Unser Karli - bedingungslos geliebtes Sorgenkind?
An diesem Tag wird der Karli, wie ihn einige hier liebevoll nennen, vom ganzen Viertel gefeiert. Die mit dem Kosenamen für ihn, das sind auch die, die auch in Berlin leben könnten. Dort, wo man Cotti und Görli zu seinen Parks sagt. Es sind die, die bewusst hierher gezogen sind, weil sie diese urbane Mischung suchen aus: Innenstadt, pittoresken Altbau-Schätzen neben in die Jahre gekommenen Häusern.
Dort steht das Hochhaus neben Klinkerhäuschen und ihren grünen Innenhöfen - wo man gemeinsam grillt oder die Kinder in der Matschküche spielen lässt. Zwischen diesem ungeordneten Mischmasch an Bebauung haben sich lässige Cafés wie das „Animo“, das „Hungry Turtle“ oder Restaurants wie die Pizzeria „Pinocchio“ niedergelassen. Auch eine Klavierwerkstatt. Und dann ist da natürlich eben der Karlsplatz. Der eigentlich ein Park ist.
An diesem Tag gibt es dort eine große Bühne mit Zaubershow, Essens- und Getränkestände, Bierbänke, Live-Musik, Acrylmalen, Kinderschminken und einen Basketball-Workshop. Man sieht viele junge Familien, Radanhänger, ein paar alte Männer mit Bierflasche, auf den Bierbänken Menschen jeglichen Alters gemeinsam feiernd. Und entlang der Wege durch den Park reihen sich Stände aneinander. An dem einen wird Kinderarmut thematisiert, am nächsten Altersarmut und andere soziale Themen. Man ahnt, typische Karlsplatz-Themen; die hier proaktiv angegangen werden sollen. Über diesen schönen Tag hinaus: Sie sollen gelöst werden.
„Ich komme total gerne mit meinen Kindern hierher. Und freue mich über die Schachspieler, die hier jeden Tag ihre Figuren hin und her schieben und den tollen Spielplatz“, sagt eine dreifache Mutter. Der Spielplatz: ein gestrandetes Piratenschiff. Ihre Kinder habe sie dabei immer gut im Blick. Auf der „anderen“ Seite des Platzes aber scheinen andere Menschen gestrandet, zwischen den Tischtennisplatten. Ihr Thema sind Alkohol und Drogen. Ein kleiner Wasserkanal mit Seerosen trennt sie voneinander. Die Mutter sagt: „Ich habe keine Angst vor ihnen. Wenn sie Konflikte haben, dann haben sie die ja untereinander.“ Manchmal hörten sie laut Musik aus Boxen. Morgens, mittags, abends, nachts. „Die haben jeglichen Rhythmus verloren.“ Sie wohnt ein paar Straßen weiter. Ihr ist das egal. „Aber ich weiß von genervten Anwohnern. Auch denen, in deren Hinterhöfen sich manche Karlsplatzbesucher Spritzen setzen oder ihr Geschäft verrichten.“ Und sie selbst schreckt manchmal aus dem Schlaf hoch, wenn wieder jemand laut gegen die Tonnen tritt oder sich zwei in ihrer Straße laut streiten.
Maira Kaiser wohnt eigentlich in der Ulmer Altstadt, aber auch sie kommt gerne mit ihren Kindern hierher. „Ich mag genau dieses Nebeneinander auf einem Platz. Dass hier jeder einfach da sein darf. Für mich fühlt sich das harmonisch an.“ Sie denkt an die täglichen Boulespieler dort. „Das sind so alte Männer, da weiß man, die haben es schwer. Bedroht fühle ich mich hier nicht. Im Gegenteil: Man sieht - es gibt noch etwas anderes. Und das muss oder darf hier auch seinen Platz haben.“ Sie erzählt von ihrem Sohn, der plötzlich mit einem Fremden am Karli Fußball gespielt hat, nachdem sein Ball ins Wasser gefallen war. „Der Mann hat sich so gefreut.“
„Der Karlsplatz: Ein Brennpunkt der Großstadt“, titelte unlängst Regio TV. Im April ist ein 75-Jähriger überfallen und lebensgefährlich verletzt worden. Im Mai schlug ein Jugendlicher einem 31-Jährigen mit einer Bierflasche ins Gesicht. Im Januar soll ein Streit zweier Männer mit einem Messer eskaliert sein.
Ole Lückstädt führt seit fünf Jahren das Café Animo. Er hat schon als Kind am Karlsplatz gelebt. Er sagt, der Karlsplatz habe sich verändert. „Tagsüber ist er super. Nachts verwandelt er sich.“ Und er fügt hinzu. „Viele Familien, die hier auf den Spielplatz gehen, wollen bei uns aufs Klo gehen.“ Es gibt Toiletten auf dem Karlsplatz. Aber eben auf dieser „anderen“ Seite. Ihm liegt der Platz am Herzen. Gemeinsam mit anderen will er ihn wieder attraktiv machen. Etwa mit dem Zebra-Verein. Das Animo hat kürzlich eine Kreativwerkstatt gestartet. Zu den Anwohnern und den anderen Gastronomen habe er ein freundschaftliches Verhältnis. Dass die Stadt das Problem am Karlsplatz nach den zunehmenden Vorfällen ernst nimmt und mit mobilen polizeilichen Einsatzteams hier unterwegs ist (es gibt außerdem eine Nachtwache und zu unterschiedlichen Zeiten den Ordnungsdienst) findet er gut.
Jan Jankovsky, Chef des Hungry Turtle, sagt dagegen: „Polizeipräsenz ist gut. Aber das Problem sitzt ja tiefer bei den Menschen. Es bringt nichts, wenn das Problem nur verlagert wird. Streetworker? „Wie willst du bei jemandem durchkommen, der heroin- und alkoholabhängig ist?“ Als er seinen Laden vor neun Jahren eröffnet hatte, habe der Karlsplatz bereits einen schlechten Ruf gehabt. „Ich konnte das nicht nachvollziehen. Ja gut, da waren ein paar Alkoholiker. Aber es gab nicht diese Auseinandersetzungen. Es war eher gemütlich. Im Laufe der Coronazeit ging es dann richtig los hier. Der Park zog immer größere dieser Gruppen an.“ Bei ihm wurde schließlich auch eingebrochen. Alkohol und ein iPad waren weg. „Und jetzt wurde hier also kürzlich einem alten Mann der Schädel eingeschlagen.“ Er schüttelt den Kopf.
Und doch. Es tut sich gerade so viel an diesem hübschen Platz in Ulms Mitte. Es gibt einen erweiterten Reinigungsdienst dort, einen Flohmarkt, es gibt ein Quartierstreffen mit Kaffee am Karlsplatz, Angebote für Kinder - und eben zum wiederholten Mal: das wahnsinnig gut besuchte Karlsplatzfest. Selbst der Oberbürgermeister und viele Ulmerinnen und Ulmer aus allen Ecken der Stadt waren da.
Die junge Mutter sucht mit ihrer Familie gerade nach einem Haus. Sie ist melancholisch. War schon schön hier. Mittendrin. Aber ein bisschen froh ist sie auch, wenn sie ihre Kinder morgens alleine zum Bäcker schicken kann. Denn diesen Service würde sie gerne in Zukunft schon nutzen…
Isabella Hafner
