Die Wohnraumschaffer
Ein Projektvorschlag von Studierenden im Rahmen einer Design-Challenge an der HNU
Der Wohnungsmangel ist ein großes Problem in Deutschland. Eine sehr simple, aber zugleich teure und nicht nachhaltige Antwort darauf wäre es, mehr zu bauen. Doch wie man dem Problem von einem anderen Gesichtspunkt gegenübertreten kann, haben Studierende der HNU und weiterer Hochschulen im Rahmen einer Challenge der „Schwaben Innovation Masterclass“ für die Methode „Design Thinking“ gezeigt. Diese Methode zur Entwicklung neuartiger Lösungen für komplexe Fragestellungen aller Art wurde an der Hochschule Neu-Ulm entwickelt und erprobt.
Steigende Mieten und begrenzte Neubauflächen verschärfen die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Gleichzeitig wird vorhandener Wohnraum nicht optimal genutzt. In Ulm stehen laut Destatis 2.167 Wohnungen leer, während die UWS rund 4.500 aktive Wohnungssuchende verzeichnet. Das Problem liegt daher nicht nur in zu wenigen Wohnungen, sondern auch in fehlender Transparenz, unzureichenden Vermittlungswegen und Hemmnissen bei Eigentümern.
Ursachen sind fehlende verlässliche Daten über Leerstände und Wohnraumbedarf, die Angst vor Mietausfällen oder Mietnomaden, wirtschaftliche Hürden sowie komplizierte rechtliche und organisatorische Prozesse. Dadurch bleiben Wohnungen ungenutzt, während Suchende lange Wartezeiten, hohe Kosten und viele Absagen erleben. Auch die Stadt kann ohne genaue Daten den tatsächlichen Bedarf nur schwer erkennen und läuft Gefahr, am Bedarf vorbeizuplanen.
Das Projekt „Wohnraumschaffer“ setzt deshalb auf eine zentrale Wohnraum-Datenbank. Dort sollen Wohnungsangebote, Leerstände und Suchprofile systematisch erfasst werden. Angaben zu Lage, Größe, Zustand und Mietkonditionen werden telefonisch oder bei Bedarf durch einen Vor-Ort-Check überprüft. Auf dieser Datenbasis arbeitet eine Matching-Engine, die passenden Angebote und Suchprofile automatisch miteinander verknüpft.
Case-Manager sollen komplexe Fälle übernehmen, rechtliche Fragen klären, zu Förderstellen vermitteln oder bei Reparatur- und Umzugsproblemen helfen. Besonders für ältere oder technisch weniger versierte Personen ist diese Unterstützung wichtig. Zusätzlich werden finanzielle Anreize zur Risikoabsicherung in einem Pilotprojekt getestet. Dazu gehört eine Aktivierungsprämie, eine kommunale Bürgschaft für die ersten Mietmonate und Zuschüsse für notwendige Instandsetzungen. So sollen Ängste und Hemmnisse abgebaut werden.
Zur Erprobung wird ein Pilotprojekt in einem Ulmer Quartier vorgeschlagen. Ein Outreach-Team soll dort mehrere hundert Einträge erfassen und überprüfen. Danach werden Suchende und Angebote abgeglichen, schwierige Fälle persönlich begleitet und verschiedene Anreizmodelle getestet. Der Erfolg wird an verifizierten Einträgen, erfolgreichen Vermittlungen, der Wiedervermietungsdauer und der Teilnahmebereitschaft von Eigentümern gemessen. Datenschutz ist dabei zentral: Öffentliche Daten sollen nur pseudonymisiert dargestellt und Einwilligungen dokumentiert werden.
Als sichtbare Umsetzung wurde die Idee für eine Website „Wohnen in Ulm“ entwickelt. Sie soll nicht nur ein klassisches Wohnungsportal sein, sondern eine zentrale Anlaufstelle und Datenbasis für Bürger, Eigentümer und die Stadt. Nutzer wählen ein Profil, etwa „Wohnraum suchen“, „Wohnraum anbieten“ oder „Leerstand melden“, und geben die relevanten Informationen an. Ergänzt wird die Plattform durch Informations-, Beratungs- und Veranstaltungsangebote.
Insgesamt verfolgt das Konzept das Ziel, vorhandenen Wohnraum effizienter zu nutzen, Leerstände schneller zu reaktivieren und Angebot und Nachfrage besser zusammenzuführen. Kurzfristig sollen Wohnungen schneller vermietet werden, mittelfristig erhält die Stadt eine bessere Datengrundlage und langfristig kann der Druck zum Neubau reduziert werden. Die Grundidee lautet: Nicht nur mehr bauen, sondern vorhandenen Wohnraum intelligenter erfassen, vermitteln und nutzen.
Abschließend muss man allerdings klar festhalten, dass es sich, Stand jetzt, erst um ein Studienprojekt handelt und noch nicht feststeht, ob und inwieweit die Ideen jemals umgesetzt werden. Dennoch zeigt das Studienprojekt, wie man mithilfe der Design Thinking Methode mit komplexen Fragestellungen umgehen und zielgerichtet an einer Lösung arbeiten kann.
Benjamin Loos, Schülerredakteur
Design Thinking wurde an der Hochschule Neu-Ulm als Methode zur Entwicklung von digitalen Produkten, Services und Geschäftsmodellen für Unternehmen erdacht. Es ermöglicht nutzerzentriert innerhalb weniger Tage Prototypen zu entwickeln und zu testen. Einmal pro Jahr findet für die KANU Masterclass eine Challenge statt. Praxispartner reichen Fragestellungen ein, die innerhalb einer Woche von interdisziplinären Studierendenteams der Hochschulen Kempten, Augsburg und Neu-Ulm (=KANU) bearbeitet werden und zu kreativen Lösungsansätzen führen.
