Neue Wohnformen

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Neue Wohnformen

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Die Mieten in Ulm und Umgebung steigen, freie Grundstücke werden knapper, und wer heute eine bezahlbare Wohnung sucht, kennt das Gefühl: Man fühlt sich, als würde man gegen eine Wand rennen. Gleichzeitig entsteht anderswo, in Freiburg, Tübingen, Zürich, Wien oder Amsterdam, seit Jahren etwas anderes: die Praxis, Wohnen komplett neu zu denken. Nicht als Ware, die man kauft oder mietet, sondern als etwas, das man gemeinsam gestaltet. Wir haben uns umgeschaut, welche Wohnformen gerade Aufmerksamkeit bekommen, welche schon lange erprobt sind, und bei jeder gefragt: Wäre das auch in Ulm denkbar?

Der Fachverlag „Die Wohnungswirtschaft“ vergibt 2026 zum 23. Mal seinen Zukunftspreis unter dem Motto „Wohnen⁺: Mehr als vier Wände“, ein Hinweis darauf, wie sehr sich das Verständnis von Wohnen gerade verschiebt: weg von der reinen Funktion des Unterbringens, hin zu Konzepten, die Nachbarschaft, Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit zusammendenken. Das ist kein Nischenthema für Architekturbüros mehr, sondern eine Frage, die uns alle betrifft, sobald wir volljährig werden und ausziehen wollen.

1. Baugemeinschaften: Zusammen bauen statt allein kämpfen

Statt sich als Einzelperson mit einem Bauträger auseinanderzusetzen, tun sich mehrere Haushalte zusammen, planen gemeinsam ein Haus oder gleich ein ganzes Quartier und teilen sich Werkstatt, Dachterrasse, Gästezimmer oder Garten. Das senkt die Kosten spürbar, weil kein Bauträger mitverdienen will, und schafft von Anfang an Nachbarschaft, statt sie erst mühsam nach dem Einzug aufbauen zu müssen.

Das bekannteste deutsche Beispiel liegt nicht weit von Ulm entfernt: Das Freiburger Stadtviertel Vauban entstand auf einem ehemaligen französischen Kasernengelände und wurde bewusst an Baugruppen statt an klassische Bauträger vergeben. Rund 5.300 Menschen leben heute dort, in einem der bekanntesten Ökoquartiere Deutschlands, mit Niedrigenergie- und Passivhaus-Pflicht, kaum privaten Stellplätzen und einem hohen Grad an Selbstorganisation. Ein Teil der alten Kasernengebäude wurde von einer Wohninitiative übernommen und in Eigenarbeit zu preiswerten Groß-WGs umgebaut, aus Militärbrache wurde bezahlbarer Wohnraum.

Auch Tübingen zeigt, wie das gehen kann: Im Französischen Viertel, ebenfalls einer ehemaligen Kaserne, entstand ein lebendiges Stadtquartier für rund 2.500 Menschen, mit Handwerksbetrieben, Läden und Wohnraum in bunter Mischung. Städte vergeben solche Flächen zunehmend per Konzeptvergabe: Nicht wer am meisten zahlt, bekommt das Grundstück, sondern wer das überzeugendste Wohnkonzept vorlegt.

Machbar für Ulm? Ulm hat, wie viele Städte, eine Nachverdichtungslücke,  wenig freie Fläche, viele ungenutzte Potenziale in Baulücken oder auf Konversionsflächen. Konzeptvergabe auf städtischen Restflächen wäre ein direkter Hebel: kleine Grundstücke, die für einen Bauträger uninteressant sind, können für eine engagierte Baugruppe genau richtig sein.

2. Cluster-Wohnungen: WG trifft eigene Wohnung

Ein Mittelding zwischen klassischer WG und Einzelapartment: Jede Person hat ein eigenes kleines Zimmer mit Mini-Küche und eigenem Bad, dazu kommt eine große gemeinsame Wohnküche für alle Bewohner*innen. Man hat also Rückzug und Gemeinschaft gleichzeitig, ohne sich morgens ums Badezimmer streiten zu müssen. In der Schweiz, vor allem in Zürich, ist dieses Modell längst etabliert und wird von Genossenschaften gezielt gebaut.

Für junge Erwachsene, die gerade zum ersten Mal ausziehen, aber nicht komplett allein leben wollen, ist das ein spannendes Zwischenmodell. Es unterscheidet sich von der klassischen WG dadurch, dass jede*r eine wirklich eigene, abschließbare kleine Wohnung hat, die Gemeinschaftsräume sind eine bewusste Ergänzung, keine Notwendigkeit, sich Bad und Küche zu teilen.

Machbar für Ulm? Gerade für den Eselsberg mit seinen vielen Studierenden und jungen Berufstätigen ein naheliegendes Modell für Neubauprojekte, vor allem, weil viele Einzelhaushalte in der Stadt nach genau dieser Mischung aus Privatsphäre und Gemeinschaft suchen.

3. Mehrgenerationenhäuser: Alt und Jung unter einem Dach

Hier leben ältere und jüngere Menschen im selben Haus, aber in eigenen, abgeschlossenen Wohnungen. Wer mag, hilft der Nachbarin beim Einkaufen oder bekommt im Gegenzug beim Wäscheaufhängen Gesellschaft. Diese Wohnform wirkt besonders gut gegen Einsamkeit im Alter, ein wachsendes gesellschaftliches Problem, und gibt jungen Familien ohne Verwandtschaft vor Ort ein Stück Großeltern-Ersatz.

In Tübingen gibt es dazu sogar einen eigenen Verein, der genau solche generationenübergreifenden Wohnprojekte organisiert und begleitet, ein Hinweis darauf, dass diese Wohnform vor allem durch Vermittlung und Organisation lebt, nicht durch spezielle Architektur.

Machbar für Ulm? Passt gut zu bestehenden Wohnprojekt-Initiativen in der Region. Der größte Bedarf liegt hier weniger im Neubau als in der Vermittlung: Wer bringt Menschen zusammen, die zueinander passen?

4. Wohnen für Hilfe: Zimmer gegen Zeit

Ein Klassiker, der gerade wieder an Bedeutung gewinnt: Studierende ziehen bei älteren Menschen mit zu großer Wohnung ein und zahlen kaum oder gar keine Miete, dafür helfen sie im Haushalt, im Garten oder einfach durch ihre Anwesenheit. Faustregel ist oft: ein Quadratmeter Wohnfläche entspricht einer Stunde Hilfe im Monat. Städte wie Freiburg, Köln, München und Münster haben dafür feste Vermittlungsstellen, oft an die Studierendenwerke angebunden. Win-win in Zeiten von Wohnungsnot auf der einen und leeren Zimmern in zu groß gewordenen Wohnungen auf der anderen Seite, und ein Modell, das komplett ohne Neubau auskommt.

Machbar für Ulm? Schon jetzt grundsätzlich möglich, oft über private Vermittlung oder das Studierendenwerk. Mehr Sichtbarkeit und eine feste Anlaufstelle würden helfen, das Modell bekannter zu machen.

5. Tiny Houses: Klein, aber durchdacht

Wenige Quadratmeter, durchdachte Raumnutzung, oft auf Rädern oder zumindest mobil konzipiert. Tiny Houses stehen für bewussten Konsumverzicht und einen geringeren ökologischen Fußabdruck, aber auch für die grundsätzliche Frage, wie viel Wohnfläche man eigentlich wirklich braucht.

Das Thema ist gerade in Bewegung: 2026 entwickeln Studierende der Innenarchitektur im Rahmen eines Wettbewerbs neue Innenraumkonzepte für kompaktes Wohnen, entworfen für drei ganz unterschiedliche Zielgruppen, „Best Ager“ im Ruhestand, junge Erwachsene und Geschäftsreisende. Die Entwürfe sollen real in einem Tiny-House-Park in Heidelberg umgesetzt werden. Das zeigt: Tiny Houses sind längst nicht mehr nur etwas für Aussteiger*innen, sondern werden ernsthaft als Wohnlösung für ganz unterschiedliche Lebensphasen gedacht.

Machbar für Ulm? Als Testfläche auf Zwischennutzungsgrundstücken oder am Stadtrand vorstellbar, Flächen, die für klassischen Wohnungsbau zu klein oder zu unsicher in der Nutzungsdauer sind, reichen für Tiny Houses oft völlig aus.

6. Co-Living und Micro-Apartments

Vor allem in Großstädten beliebt: möblierte Kleinstwohnungen mit Gemeinschaftsflächen wie Lounge, Küche oder Fitnessraum, oft flexibel und kurzfristig mietbar. Für Pendlerinnen, Berufseinsteigerinnen oder alle, die noch nicht wissen, wie lange sie an einem Ort bleiben, kann das eine unkomplizierte Zwischenlösung sein. Aus Investorensicht gelten Micro-Apartments und Co-Living inzwischen als eigene Marktnische mit klar definierten Zielgruppen.

Machbar für Ulm? Eher für die Nähe zu Bahnhof oder Wissenschaftsstadt gedacht, kleine, gut erschlossene Flächen reichen aus, ein großes Grundstück braucht es dafür nicht.

7. Aus Leer wird Mehr: Bestand statt Neubau

Nicht jede neue Wohnform braucht neue Flächen. Der Bund fördert seit 2025 gezielt einen Wettbewerb namens „Aus LEER wird MEHR“, der zeigt, wie leerstehende Häuser, Läden oder ungenutzte Obergeschosse wieder zu Wohnraum, Treffpunkten und Nachbarschaften werden können, ohne dass dafür neue Fläche versiegelt wird. Ausgezeichnet werden Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften, Genossenschaften und bürgerschaftliche Initiativen, die Leerstand aktiv reaktivieren. Das ist im Grunde die unspektakulärste, aber vielleicht wirksamste „neue“ Wohnform: genauer hinschauen, was schon da ist, bevor man neu baut.

Machbar für Ulm? Gerade für die Innenstadt und für Nachverdichtungslücken hochinteressant: leere Ladenflächen oder ungenutzte Obergeschosse über Geschäften als Wohnraum zu aktivieren, braucht oft kein neues Baurecht, sondern politischen Willen und unkomplizierte Förderwege.

Blick über den Tellerrand

Nicht alles davon ist morgen in Ulm realistisch aber es zeigt, wie viel gerade international in Bewegung ist.

Modulares/serielles Bauen: Vorgefertigte Wohnmodule, die in Wochen statt Monaten fertig stehen, teils mehrstöckig stapelbar. Wird von der Wohnungswirtschaft zunehmend als Antwort auf Fachkräftemangel und hohe Baukosten diskutiert.

Schwimmende Häuser: In Wasserstädten wie Amsterdam (Stadtteil IJburg) längst gelebter Alltag, in Deutschland bislang noch eine Nische, aber ein Modell, das in Zukunft auch für Städte mit viel Wasserfläche interessant werden könnte.

Smarte, flexible Grundrisse: Versetzbare Wände, schaltbare Zimmer und multifunktionale Räume, die mit der Lebenssituation mitwachsen, wichtig etwa, wenn aus einem Paar eine Familie wird oder Kinder ausziehen und Platz frei wird.

Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht: Grundrisse, die nicht nur älteren Menschen, sondern auch Familien mit kleinen Kindern zugutekommen, werden bei neuen Wohnprojekten zunehmend zum Standard statt zur Ausnahme.

Was diese Wohnformen eint: Sie brauchen alle weniger Fläche pro Kopf, sie denken Nachbarschaft von Anfang an mit, und sie zeigen, dass „Wohnungskrise“ nicht nur nach neuen Baugebieten ruft, sondern auch nach neuen Ideen für das, was schon da ist.

Nachhaltig und bezahlbar müssen also kein Gegensatz sein, in vielen der hier vorgestellten Modelle gehört beides zusammen. Genug Stoff also, um in Ulm einfach mal genauer hinzuschauen.

Lucia Probst 


Auch in Ulm gibt es bereits viele Projekte und Angebote zu alternativen Wohnformen. So gibt es mehrere Mehrgenerationenprojekte und Baugemeinschaften und die Wohnrauminitiative der Caritas begleitet ‚Wohnen für Hilfe‘-Lösungen. Informationen gib es auf zwei Veranstaltungen im Einsteinhaus:

Am Dienstag, den 22.09.26 präsentieren sich ab 19 Uhr auf einem Markt der Wohnmöglichkeiten verschiedene alternative Wohnprojekte aus der Region. Ansprechpersonen stehen für Fragen zur Verfügung.

Am Mittwoch, den 07.10.26 ab 19 Uhr diskutieren Vertretende von Wohnungsbauunternehmen, alternativen Wohnprojekten und Interessensgruppen, wie wir wohnen zukunftsfähig machen und Bewegung in den zähen Wohnungsmarkt hinein bringen. Eintritt zu beiden Veranstaltungen frei. Veranstalter: Kirchliche Wohnrauminitiative der Caritas, lokale agenda ulm, vh ulm.