Superfood - made in Schnürpflingen

Lesezeit
2 Minuten
Gelesen

Superfood - made in Schnürpflingen

Di. 01.06.2021 - 08:15
Erstellt in:
0 Kommentare

Ein unspektakulärer Gewerbebau am Ortsrand von Schnürpflingen bei Laupheim. Drinnen: Tropen-Feeling. Es ist zwischen 30 und 40 Grad warm, die Luft ist feucht. Die, die hier heranwachsen, brauchen nämlich Wellness-Temperaturen. Die Millionen von Mehlwürmern, Heuschrecken und Grillen. Sie sollen später in Menschenmägen landen. Es gibt sie getrocknet, gefroren oder gemahlen und in den Geschmacksrichtungen „Zimt und Zucker“, „Salz und Pfeffer“ sowie „Barbecue“. 

Der Betrieb „Six feet to eat“ in Schnürpflingen bei Laupheim ist noch jung. Als es in 2018 in Deutschland plötzlich erlaubt wurde, Speiseinsekten zu züchten, zögerte Michael Bullmer nicht lange und gründete dort eine Speiseinsektenzucht. Der Name „Six feet to eat“ deshalb, weil Insekten sechs Beine haben.

Bullmer hatte bereits in einer Firma gearbeitet, die Futterinsekten für Amphibien züchtete. Dort lernte er auch seine Frau kennen - eine Thailänderin -, zu deren Speiseplan Insekten sowieso gehörten. Wie andere in ihren Gemüsegarten gehen, um ihren Salat fürs Mittagessen zu holen, zogen sie bald zuhause ihre eigenen Insekten auf. 

Es heißt oft, der Insektenverzehr - im Fachdeutsch: Entomophagie - könnte die Landwirtschaft revolutionieren: Mehlwürmer beispielsweise stoßen nur ein Zehntel der CO2-Emissionen eines Rinds aus. Ein Kilogramm Rindfleisch entspricht nämlich den Emissionen einer 200 Kilometer langen Autofahrt. Außerdem sind sie „hocheffiziente Futterverwerter“: Grillen setzen ihr Futter angeblich doppelt so effizient in Körpermasse um wie Hühner. Und zwölfmal so gut wie Rinder. Denn sie sind  wechselwarm und brauchen keine Energie, um ihre Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Weil sie im Schwarm leben, brauchen sie wenig Fläche. In Schnürpflingen leben sie in Plastikkisten, die in Regalen stehen. Eine Rind wird nach eineinhalb bis zwei Jahren geschlachtet, Insekten sind nach zwei Monaten schon groß genug, um sie zu essen. Gefüttert werden sie mit saisonalem Gemüse, Obst und Kleie.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO geht davon aus, dass Insekten eine wichtige Rolle spielen könnten als Nahrungsmittel der Zukunft. Um die Weltbevölkerung, die im Jahr 2050 geschätzte neun Millionen betragen soll, satt zu bekommen. Denn Insekten gelten als Proteinbomben - übertreffen angeblich sogar Nüsse und Hülsenfrüchte. 

Sie beinhalten sieben Mal so viele Omega-3-Fettsäuren wie Fisch, viele Antioxidantien, und das Chitin ihres Panzers gilt als entzündungshemmend. Gemahlen kann man sie zum Backen verwenden. Oder man isst sie einfach naturbelassen, etwa im Müsli. Nussig schmecken sie.

Die Firma verschickt ihre Insekten mittlerweile in die ganze Welt. In Deutschland aber hat die Nachfrage die euphorischen Erwartungen der Geschäftsführer noch nicht erfüllt. „Wir produzieren 50 bis 100 Kilogramm pro Monat, könnten aber bis zu 10 Tonnen.“ Die deutschen Essgewohnheiten… Immerhin bietet eine deutsche Burgerkette bereits Insektenbratlinge an, mit dem zukunftsweisenden Namen „Übermorgen“. 

Und einige Abnehmer von Insekten oder „Mehlwurm-Mehl“ säßen auch auf der Alb. Eine Firma zum Beispiel backe Kekse; eine andere stellt Nudeln her, in denen der Mehlwurm steckt. Kostenpunkt für ein Kilo Mehlwürmer: zwischen 40 und 60 Euro. 

Michael Bullmer setzt auf die junge Generation. „Meine Tochter teilt ihre Mehlwürmer im Kindergarten immer mit ihren Freundinnen.“ Dabei ist es eigentlich ein alter Hut, Insekten zu essen. In mehr als hundert, vor allem tropischen, Ländern sind sie selbstverständlich. Und auf den Festen der alten Griechen und Römer reichte man regelmäßig fette Larven. Aristoteles hat Rezepte für die Zubereitung von Zikaden hinterlassen und in Deutschland, Luxemburg und Frankreich wurden Maikäfer bis ins 20. Jahrhundert verspeist.

Bullmer berichtet davon, dass zunehmend Vegetarier Interesse haben. Mit diesem Fleischersatz könnten sich einige von ihnen nämlich anfreunden. Denn Grillen, Heuschrecken und Mehlwürmer sterben ruhig. Bullmer: „In der freien Natur fahren die wechselwarmen Tiere im Herbst ihren Stoffwechsel komplett herunter, fallen in eine Winterstarre. Sie sterben im Schlaf, wenn sie nicht erwärmt werden.“ Für die Schnürpflinger Insektenfarm heißt das: Nach ein paar Wochen, wenn die Insekten groß genug sind, werden sie ordentlich herunter gekühlt.

Vielleicht aber erwachen bei manchem Mehlwurm die Lebensgeister, sobald er im warmen Menschen-Bauch liegt - weil er denkt: Frühling! Und der Bauch-Besitzer deutet das Kribbeln als hereinbrechende Frühlingsgefühle. „Kann nicht sein“, garantiert Michael Bullmer. „Wir kühlen bis auf 18 Grad Minus.“ 

Isabella Hafner