Wir müssen Wohnungslosigkeit verhindern

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Wir müssen Wohnungslosigkeit verhindern

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Sie gehören zu unserer Stadtgesellschaft. Doch sie haben kein eigenes Dach über dem Kopf, nächtigen bei Freunden oder im schlimmsten Fall auf der Straße. Stefan Loeffler sprach mit Katrin Vrkaš, der Leiterin der Fachberatungsstelle für Wohnungslose, über die Gründe und die Gefahren von Obdachlosigkeit - und über ganz wunderbare Zeichen. 

Frau Vrkaš, wie viele Ulmer haben aktuell keinen festen Wohnsitz in unserer Stadt?
Zuerst müssen wir die Begriffe definieren. Wir unterscheiden zwischen wohnungslosen und obdachlosen Menschen. Wohnungslose haben keine Meldeadresse, müssen deshalb aber nicht unbedingt auf der Straße leben, sondern kommen vielleicht bei Freunden, der Familie oder in Notunterkünften unter. Obdachlose hingegen haben keine Meldeadresse und leben tatsächlich akut auf der Straße, weil sie keine Möglichkeit haben, irgendwo Unterschlupf zu finden oder dies auch gar nicht möchten. Wir haben derzeit etwa 500 Menschen in einer dauerhaften Fachberatung, die uns also immer wieder aufsuchen. Dazu kommen schätzungsweise etwa 180 Einzelberatungen. Dazu zählen etwa EU-Bürger, die für kurze Zeit in Ulm gestrandet sind und wieder nach Hause möchten.

Was heißt gestrandet?
Die Gründe können sehr vielseitig sein. Das können Menschen sein, die sich hier Arbeit erhofft haben oder für die ein Saisonjob in der Landwirtschaft zu Ende ging. Dies können aber auch Personen sein, die von Bahnmitarbeitenden oder der Bundespolizei am Ulmer Hauptbahnhof aus dem Zug geholt wurden, weil sie keinen gültigen Fahrausweis hatten und dann ohne Geld und Bleibe in Ulm stehen.    

Steigt denn die Zahl der Wohnungslosen?
Ja. Im Jahr 2023 hatten wir 503 Fälle mit Einzelberatungen, im Jahr 2024 waren wir schon bei 549 und nun sind wir aktuell eben bei knapp 700 Wohnungslosen. Das ist ein erheblicher Anstieg.

Was kann man zu der Altersstruktur sagen?
Die größte Personengruppe ist zwischen 35 und 50 Jahren alt. Wir haben viele Wohnsitzlose, die über 60 Jahre alt sind, und einige über 70. Und die Gruppe von jungen, drogenabhängigen Menschen wird immer größer.

Woher kommt denn dieser Anstieg?
Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, da die Gründe vielfältig sind. Der Anstieg ist bedingt durch Wohnungsmangel, steigende Miet- und Energiepreise, Verschuldungen, die dann oftmals zu Zwangsräumungen führen. Aber auch der Verlust eines Arbeitsplatzes, Traumata, Lebenskrisen oder Trennungen können dazu führen, dass man auf der Straße steht. Und: Wir haben im Bereich der Wohnungslosenhilfe seit Jahren steigende Zahlen an Menschen mit Doppeldiagnose, als mit einer psychischen Erkrankung und einer Suchterkrankung, die sehr schwierig sind in der Versorgung. Zudem haben wir auch EU-Bürger oder Ukrainer, die nach Deutschland geflüchtet sind und einen hier gefundenen Wohnraum wieder verloren haben.

Was gibt es denn für städtische Möglichkeiten diese Menschen unterzubringen?
Eine Notunterbringung ist in erster Linie in der Gemeinschaftsunterkunft „Mähringer Weg“ am Eselsberg möglich. Zudem gibt es das Übernachtungsheim in der Frauenstraße, das vom Kreisverband Ulm des Deutschen Roten Kreuz betrieben wird. Es gibt jedoch auch die Wiedereinweisung in die bisherige Wohnung durch die Stadt. Dies kann der Fall sein, wenn zum Beispiel eine Großfamilie ihre Wohnung durch eine Räumungsklage verliert und eine entsprechende Unterbringung im Rahmen der Möglichkeiten durch die Stadt nicht möglich ist. Wir sind hier in der Fachberatungstelle in der Bessererstraße 39, dem Treff B39, nur für volljährige Einzelpersonen oder Paare zuständig.

Hier finden jedoch nicht nur Beratungen statt, denn hier ist auch eine Tagestätte für Wohnsitzlose. Wie viele nehmen dieses Angebot an? 
Das ist sehr schwankend, im Winter sind es witterungsbedingt natürlich mehr Menschen, die zu uns kommen. Im Schnitt sind es das ganze Jahr über etwa 30 - 40 Personen am Tag, die hier ein kostenloses Frühstück bekommen. Mittagessen bieten wir für 1,50 Euro an. Zum freien Angebot gehören die Nutzung von Tageszeitungen, Internet, Fernseher und Computer sowie ein Wäscheservice, eine Kleiderkammer sowie die Möglichkeit zur Körperpflege. Dies alles geschieht ganz ohne Zwang, wer möchte kann sich jedoch beraten lassen. Wir sind jedoch keine Wohnungsvermittler. In erster Linie schauen wir, dass die Menschen finanziell aufgefangen werden und dass sie eine Unterkunft finden. Uns geht es in erster Linie darum, zu verhindern, dass es den Menschen noch schlechter geht.

Welchen Gefahren sind obdachlose Menschen ausgesetzt?
Das Leben auf der Straße ist risikoreich und kann bis zu Erfrierungen oder Kältetod führen. Die Hygiene wird vernachlässigt und oftmals leiden die Menschen an Schlafmangel. Dazu kommt die permanente Bedrohung durch Gewalt und auch Diebstahl. Der Bedarf an Schlafsäcken und Decken ist enorm, da diese Dinge oftmals gestohlen werden. Deshalb sollte man sich, wenn möglich nachts in einer Gruppe aufhalten, bei Menschen, die man kennt. Auch die ehemalige Posthalle ist ein einigermaßen geschützter Raum und natürlich auch die Ulmer Nester.

Wie werden die Ulmer Nester angenommen? 
Sehr gut. Von November bis März des vergangenen Jahres zählten wir an den Standorten im Alten Friedhof und auf dem Karlsplatz 116 Übernachtungen. Das klingt jetzt erst einmal wenig, denn die Möglichkeiten zur Übernachtung waren begrenzt, da es in diesem Winter mitunter zu technischen Störungen kam oder die Nester stark verschmutzt waren. Es ist gut, dass es diese geschützten Räume gibt und dass man auch Hunde mit hineinnehmen darf. Dies ist für viele Menschen auf der Straße ein wichtiger Punkt.

Kommen wir zurück zu den Menschen auf der Straße. Wie werden Sie auf die Personen in Not aufmerksam?
Wir reagieren auf Zuruf, können nicht selbst aktiv im Stadtgebiet unterwegs sein. Diese Zurufe kommen von besorgten Bürgerinnen und Bürgern, der Polizei, von Mitarbeitenden der Stadt selbst und wir kooperieren natürlich auch stark mit den Teams des Kältebusses. Wir sind darauf angewiesen, dass uns Bürgerinnen und Bürger anrufen und uns aufmerksam machen, auch wenn sie sich nicht selbst trauen, die entsprechenden Personen persönlich anzusprechen. Wichtig ist immer eine gute Ortsangabe.

Ist es für sie ermutigend, dass sich auch viele besorgte Bürgerinnen und Bürger melden, auch wenn diese vielleicht nicht konkret wissen, wie man mit der Situation umgehen soll?
Auf jeden Fall. Es ist ein wunderbares Zeichen. Wir bedanken uns auch bei jedem, der etwas gemeldet hat und geben immer Rückmeldung. Eine Gesellschaft wächst nur dann miteinander, wenn sich die Menschen umeinander kümmern. Und wenn uns jemand anruft, wissen wir, dass es demjenigen eben nicht egal ist, dass jemand auf der Straße liegt.

Soll man diese Menschen denn einfach ansprechen?
Wenn man sich traut, darf man obdachlose Menschen selbstverständlich gerne ansprechen - mit Würde und Respekt. Viele von ihnen sind sehr isoliert, einsam und deshalb froh über ein Gespräch. Doch nicht jeder hat den Mut dazu und das ist durchaus auch verständlich. Nur wenn man das Gefühl hat, dass es sich um eine akute Notsituation handelt, sollte man nicht einfach vorbeigehen, sondern Polizei und Rettungsdienst informieren. Die Notfallnummer 110 kennen wir alle in Deutschland und sie ist schnell gewählt.

Was muss sich ändern in Zukunft?
Wir brauchen den gesellschaftlichen Willen, auch auf politischer Ebene Einfluss zu nehmen und auf das Problem aufmerksam zu machen. Da wir auch als Wohnungslosenhilfe an unsere Kapazitätsgrenzen stoßen, ist es wichtig, dass wieder mehr Spendengelder an ortsgebundene Organisationen fließen. Nur so kann das Angebot und die Versorgung aufrechterhalten werden. Grundsätzlich muss es uns gelingen, dass wir Wohnungslosigkeit in Zukunft nicht nur verwalten, sondern schlicht verhindern können.  

Stefan Loeffler


Die 33-jährige Katrin Vrkaš arbeitet seit 2019 in der Wohnungslosenhilfe der Caritas. Seit Anfang 2021 leitet die gelernte Sozialpädagogin mit einem kleinen Team die Fachberatungsstelle für Wohnungslose in der Bessererstraße 39. Der Treff B39 bietet neben sozialpädagogischen Gesprächen mit einer Tagesstätte auch einen Ort der Begegnung. Zudem werden auch zwölf Aufnahmehausplätze für volljährige Männer angeboten sowie maximal 22 Plätze im Ambulant Betreuten Wohnen (männlich, weiblich, divers). Geöffnet ist die Einrichtung montags, dienstags und donnerstags von 7.30 bis 17 Uhr und mittwochs und freitags von 7.30 bis 13 Uhr. Weitere Infos erhält man unter www.caritas-ulm-alb-donau.de