Wir stehen vor einem Altkleiderkollaps

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Wir stehen vor einem Altkleiderkollaps

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Durchschnittlich nur vier Mal trugen Menschen in Deutschland 2023 ein Kleidungsstück - und kauften sich  gleichzeitig 60 Kleidungsstücke pro Jahr. „Ich nicht!“, denken Sie jetzt. Mag sein. Aber das heißt auch: Die genannte Zahl ist der Durchschnitt. Es gibt also Menschen, die noch seltener ihre Kleidung tragen und welche, die noch mehr kaufen…

Das weiß Monika Peter von der Initiative Fashion Revolution Ulm/Neu-Ulm. Und sie fügt hinzu: „Die Textilbranche ist für zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Mehr als Luft- und Schifffahrt zusammen.“

Wer im Internet unterwegs ist, wird ständig mit Werbung für Mode umgarnt, ein Klick: Meins! Wer bei Primark kaufe, könne seinem Kaufrausch freien Lauf lassen und gebe selten mehr als hundert Euro aus, sagt Monika Peter. Ketten wie H&M oder Zalando hätten zwar Rückgabesysteme eingeführt - man kann getragene Kleidung gegen einen Einkaufsgutschein zurückgeben. Also kauft man gleich das Nächste in diesem Laden ein. Monika Peter sagt: „Greenwashing!“

Die junge Frau will sensibilisieren für nachhaltige Mode und die Folgen des ungehemmten Klamottenshoppens. Sie bietet immer wieder Touren durch Ulmer Läden an, die nachhaltige Mode verkaufen - oder Second Hand (Neudeutsch: „Preloved“). Dann, wenn wieder „die Konsumschlacht“ ausgetragen wird, wie sie sagt, lädt ihre Initiative zur Kleidertausch-Party ins Ulmer Verschwörhaus ein: am „Black Friday“ - der mittlerweile zu Deutschland gehört, wie der 1. Mai-Feiertag oder 3. Oktober.

„Wir wollen ein Gegenangebot bieten“, sagt Monika Peter. Man bringe einfach Kleidung mit, von der man sich nach gemeinsamem Lebensabschnitt trennen möchte. Die Kleidung sollte gewaschen und gut in Schuss sein. Man gibt sie ab, Ehrenamtliche hängen sie auf, kümmern sich um Klapptische, Ständer und Kleiderbügel. Für jedes Kleidungsstück, das eine neue Liebhaberin oder einen neuen Liebhaber findet, darf man sich etwas Neues mitnehmen.

Das alles soll Lust machen, weniger Kleidermüll zu produzieren. Monika Peter sagt: „Wir stehen nämlich vor einem Altkleiderkollaps.“ Die Qualität von Kleidung werde immer schlechter - „viele Stoffe bestehen ganz oder zum Teil aus Polyester“. Das führe dazu, dass Stoffe immer dünner würden und dadurch auch schneller Löcher bekämen oder einfach abgenutzt würden. „Man kann sie auch nicht mehr reparieren. Sie sind einfach durch.“ Auch Gerüche nähmen Textilien aus Polyester schneller an. Die Folge? „Es wird schneller aussortiert.“ Doch wohin damit?

In den Hausmüll dürfen laut einer EU-Richtlinie von 2025 nur noch Kleidungsstücke, die nicht mehr tragbar sind. Intakte Kleidung soll gespendet werden. Es soll so weniger Kleidungsmüll geben. Die Folge? Altkleidercontainer sind proppenvoll, sagt Monika Peter: „60 Prozent der Kleidung in Altkleidercontainer können nicht mehr getragen werden.“ Diese Kleidung muss aber von Hand sortiert werden. Alles Arbeit, die sich nicht rechnet, um das Altkleidersystem aufrecht zu erhalten. Zumal viel davon nach Afrika geht und auf den dortigen Märkten landet. Es habe sich ein eigener Wirtschaftszweig entwickelt. Der auch seine Berechtigung habe, gleichzeitig aber eine Konkurrenz für die lokale Textilproduktion sein kann. Viele Klamotten landeten auch als Müll irgendwo in der Landschaft, in Flussbetten, im Meer. Die Textilindustrie ist also am Ende auch hier eine der größten Umweltverschmutzerinnen.

Monika Peter empfiehlt stattdessen, Kleidung, die noch gut ist, in Second Hand Läden abzugeben, wie bei „Secontique“ in der Dreiköniggasse in Ulm. Oder im Ulmer Sozialkaufhaus „Neue Arbeit“ in der Ulmer Büchsengasse beziehungsweise in der Neu-Ulmer Filiale in der Memminger Straße. Außerdem sind Aktion Hoffnung, Caritas oder Diakonie offen für Kleiderspenden.

Wer im Übrigen für Weihnachten oder Silvester noch ein schickes Outfit braucht, kann das auch leihen, dann bleibt mehr Platz im Kleiderschrank. Etwa in der Stuttgarter „Kleiderei“. In Ulm gibt es leider (noch) nichts zum Kleiderleihen…

Isabella Hafner

www.fashrevulmneuulm.de