Der agzente Weihnachtsbaum-Check
Kein Brauch ist für uns Deutsche so emotional belegt wie der Tannenbaum zu Weihnachten. Ohne Baum kein Fest – das gilt für den größten Teil der Bevölkerung. Und so werden Jahr für Jahr 25 bis 30 Millionen Bäume geschlagen, die nach wenigen Wochen im Abfall landen.
Dunkelgrün muss er sein, gerade gewachsen und kräftige Zweige haben, damit möglichst viele Kugeln, Sterne und Glitzersachen Platz finden. Der Prototyp deutscher Weihnachtsidylle ist daher die Nordmann-Tanne, die rund drei Viertel der verkauften Bäume ausmacht. Anders als der Name vermuten lässt, stammt sie ursprünglich nicht aus dem hohen Norden, sondern aus dem Kaukasus, vor allem aus Georgien.
Inzwischen kommen 90% unserer Weihnachtsbäume aus heimischen Plantagen. Nur ein kleiner Teil wird aus den Nachbarländern importiert, vorwiegend aus Dänemark, dem größten Nordmanntannen-Produzenten der Welt. Längst sind Christbäume ein kommerzielles Landwirtschaftsprodukt und werden im großen Stil angebaut. Auf den deutschen Wald hat das Weihnachtsgeschäft praktisch keine Auswirkungen.
Um rentabel zu wirtschaften, setzen konventionelle Produzenten jede Menge Kunstdünger und chemische Substanzen wie den Unkrautvernichter Glyphosat ein. Eine Studie des BUND von 2023 ergab in Stichproben 15 unterschiedliche Giftstoffe. Steht der Baum dann im Wohnzimmer und trocknet langsam aus, können viele dieser Stoffe in die Raumluft gelangen. Wegen zunehmender Dürreperioden im Sommer macht auch der Wassermangel den Bäumen zu schaffen. Ein Teil der Plantagen muss bereits bewässert werden.
Es geht auch biologisch
Ganz anders am Biohof Schmid in Oggelshausen am Federsee. Hier werden in zweiter Generation Christbäume auf naturnahe Weise angebaut. Seit 2019 vertreibt der Bioland-zertifizierte Betrieb seine Bäume unter der Marke „Waldemar“. Für Inhaber Johannes Schmid ist dies ein Nebenerwerb, aber auch eine Leidenschaft. Viel Arbeit neben seinem Hauptberuf als Ingenieur, die sich für ihn aber lohnt: „Einen mit Giftstoffen behandelten Weihnachtsbaum möchte ich meinen Kindern nicht zumuten“, begründet er sein Engagement.
Fast 30.000 Bäume wachsen auf den rund 8 Hektar großen Anbauflächen, die fußläufig um den Hof verteilt sind. Jedes Jahr wird ein Feld mit frischen Setzlingen bepflanzt, damit für kontinuierlichen Nachwuchs gesorgt ist. Gepflanzt wird im Herbst, um die Jungpflanzen nicht der sommerlichen Hitze auszusetzen. Dank der schweren, feuchten Böden Oberschwabens sind die Ausfälle durch Vertrocknen allerdings längst nicht so gravierend, wie in weiter nördlich gelegenen Gebieten wie dem Sauerland.
Im Gegensatz zu Lebensmitteln macht sich der Bioland-Anbau bei den Christbäumen nicht bezahlt. Die pro Saison etwa 1.000 verkauften „Waldemar“-Bäume erzielen ähnliche Preise wie konventionell produzierte. Da Weihnachtsbäume fast ausschließlich nach optischen Kriterien ausgewählt werden, macht meist nicht der gesündeste, sondern der am schönsten geformte Baum das Rennen. Und das ist oft nicht der Bio-Baum. (s. auch Interview)
Der lebende Christbaum – eine Alternative?
Ist der Christbaum im Blumentopf zum Wiederverwenden die logische Konsequenz? Wer es versucht, wird schnell erkennen, dass dies ein recht schwieriges – wenn auch nicht unmögliches – Unterfangen ist. Mal eben im Gartenmarkt einen Topfbaum holen und als Weihnachtsbaum ins Zimmer stellen? Funktioniert, wenn auch nur einmal. Nadelbäume leiden als immergrüne Pflanzen besonders bei Frost unter Trockenheit und überleben als Topfpflanze im Freien nur unter günstigen Bedingungen. Holt man sie dann über die Feiertage ins trockene, geheizte Wohnzimmer und stellt sie danach wieder in die Kälte zurück, ist das der ultimative Horrortrip für den Baum. Selten, dass dies einer überlebt und im nächsten Jahr wieder eine gute Figur macht.
Vorsicht ist bei „topfgedrückten“ Bäumen geboten, wie sie häufig im Baumarkt zu finden sind: Die sind nicht im Topf gezogen, sondern nur ausgestochen. Daher sind die vorhandenen Wurzeln minimal und der Baum lebt nur unwesentlich länger als ein geschlagener.
Nimmt man die Herausforderung an, einen Dauer-Weihnachtsbaum zu ziehen, sollte man sich keine Illusionen machen. Eineinhalb Meter Höhe dürfte das Limit sein, andernfalls wird der Pflanzkübel schnell zur Immobilie. Zudem ist die klassische Nordmanntanne als Tiefwurzler völlig ungeeignet. Im Topf klappt das die ersten 2-3 Jahre und da ist der Baum noch ein ziemlicher Winzling. Besser eignen sich zwerg- oder schwachwüchsige Arten wie die Zuckerhut- oder Blaufichte, Scheinzypressen und Chinesischer Wachholder. Deren Wuchsform weicht zwar deutlich vom Standard-Christbaum ab, aber mit dem passenden Schmuck werden die bläulich benadelten Bäumchen zum Hingucker. Diese Arten lassen sich auch gut zurückschneiden.
Experimentierfreudigere Weihnachts-Fans können sich ganz vom Nadelbaum verabschieden und zu mediterranen Gewächsen greifen, welche die Wohnzimmer-Verhältnisse besser vertragen. Etwa ein kleiner Olivenbaum oder eine Stechpalme im Kübel bieten sich zur Weihnachtsdeko an und sind im Sommer auch auf der Terrasse gut aufgehoben. Noch einfacher geht’s mit Zimmerpflanzen, die das ganze Jahr über drinnen stehen und zu Weihnachten mit etwas Glitzerschmuck eine besondere Aufmerksamkeit erhalten. Der Klassiker ist die Zimmertanne (Araucaria) mit dem typischen Christbaum-Habitus, die auch in mittelgroßen Töpfen lange Zeit wachsen und eine beachtliche Größe erreichen kann. Aber warum nicht auch mal etwas Exotischeres wagen, wie die bizarre Glücksfeder (Zamioculcas) oder einen Drachenbaum?
Gehört die Zukunft dem Plastikbaum?
Für Traditionalisten ein No-Go – der künstliche Weihnachtsbaum aus Plastik. Angesichts immer schwierigerer Anbauverhältnisse dürften Kunstbäume aber zunehmend an Bedeutung gewinnen. Und die Entwicklung schreitet voran. Waren Kunsttannen anfangs ein jämmerlicher grüner Kleiderständer, so findet man inzwischen immer besser gemachte Imitate, die von echten Nadelbäumen auch auf den zweiten Blick kaum noch zu unterscheiden sind. Besonders Modelle mit Kiefernadel-Optik überzeugen im Design. Die haben aber auch ihren Preis: Bis zu 600 Euro werden für den High-End-Baum mit 1,80 Meter Höhe fällig.
Will man sich beim Christbaumloben nicht blamieren, ist man ab etwa 150 Euro dabei. Günstigere Modelle lassen keine festlichen Gefühle aufkommen. Für Bequeme gibt es auch die Variante mit bereits integrierter Lichterkette, so dass man jeweils vor dem Fest nur noch den Baum aus dem Karton holen und aufspannen muss.
Aber ist der Kunstbaum wirklich umweltfreundlicher als das natürliche Pendant? Je nach Herkunft und Verarbeitung trägt das Plastikgewächs einen schweren ökologischen Rucksack mit sich herum. Die größten Anbieter sitzen traditionsgemäß in den USA, lassen aber häufig in Asien produzieren. So werden die meisten künstlichen Christbäume aktuell im chinesischen Yiwu hergestellt. Die Stadt gilt als der „größte Weihnachtsmarkt der Welt“, Millionen von Bäumen werden von dort jedes Jahr weltweit exportiert. Allein der Transport bedeutet erhebliche CO2-Emissionen.
Damit ein künstlicher Weihnachtsbaum nachhaltiger ist als das jedes Jahr geschlagene Exemplar aus der Plantage, muss er also lange benutzt werden. Die britische Organisation „Carbon Trust“ geht nach Studien von einer Nutzungsdauer von 7 bis 20 Jahren aus, um die Klimafolgen gegenüber der heimischen Nordmanntanne zu kompensieren. In dieser Zeit sollten sich auch die Anschaffungskosten für einen hochwertigen Kunstbaum gelohnt haben. Eine weitreichende Entscheidung also.
Fazit
Für den klimafreundlichen Weihnachtsbaum gibt es keine Musterlösung. Will man nicht ganz auf den Baumschmuck zum Fest verzichten, hat das immer auch Folgen für die Umwelt. Sicher ist die Art des Weihnachtsbaumes aber nicht der große Hebel zur Verbesserung der persönlichen CO2-Bilanz. Hier gibt es an anderer Stelle deutlich mehr Einsparpotenziale beim Konsumverhalten, gerade auch an Weihnachten.
Thomas Dombeck
Mehr Infos
Der BUND hat Christbäume auf Schadstoffe untersuchen lassen:
www.bund.net/
Hier gibt es biologisch angebaute Bäume:
Christbaum Waldemar, Oggelshausen | christbaum-waldemar.de | Verkauf u.a. bei Gärtnerei Frey in Ulm)
Albtanne, Bad Urach | www.albtanne.de
Osterhof, Langenau | osterhof-mack.de/
Utopia mit alternativen Weihnachtsbaum-Ideen:
utopia.de/ratgeber/