Vorsorgen hilft: Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt

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Vorsorgen hilft: Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt

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Die Folgen des Klimawandels wirken sich massiv auf die menschliche Gesundheit aus. Viele kurz- und langfristige Maßnahmen können Abhilfe schaffen.

„Stilles Sterben“ nennt Martin Herrmann den Hitzetod. Der promovierte Arzt ist Vorsitzender und Mitbegründer von KLUG, der Allianz für Klimawandel und Gesundheit. Bei Vorträgen fragt er sein Publikum mitunter, wie viel Prozent der Todesopfer durch Klimakatastrophen auf das Konto von Hitzewellen gehen. 20, 40 oder 70 Prozent? Die Antwort: 90. 

Nun hat sich bisher noch kein Hitzedom über Deutschland gebildet, mit nächtlichen Temperaturen um 30 Grad und mehr als 45 Grad Celsius zur Mittagszeit - und dies über Tage hinweg. Doch bei anhaltender Erwärmung der Erdatmosphäre wird solch ein Ereignis wahrscheinlicher. Laut Landesanstalt für Umwelt lag die Temperatur 2025 in Baden-Württemberg im Jahresdurchschnitt 1,8 Grad Celsius über dem Mittelwert der Jahre 1961 bis 1990.

In Ulm haben sich die heißen Tage (mehr als 30 Grad Celsius) von 3 im Schnitt der Jahre 1961 bis 1990 inzwischen mehr als verdreifacht. Der Hitzesommer 2003 bescherte der Donaustadt 18 solcher heißen Tage samt der ersten Tropennacht (mehr als 20 Grad Celsius). Im vergangenen Jahr verzeichneten die Wetterstationen zwei Heiße-Tage-Wochen. Im Sommer 2003 starben an den Folgen der Hitzewelle in Deutschland unmittel- oder mittelbar 9.500 Menschen. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts lag die Übersterblichkeit durch Hitze in den drei Jahren 2018 bis 2020 bei fast 20.000, im Jahr 2022 bei 4.500 Menschen in Deutschland. 

Hitze stellt damit das größte durch Klimawandel bedingte Gesundheitsrisiko dar. Sie kostet nicht nur Leben, sondern belastet durch zusätzliche schwere Erkrankungen massiv das Gesundheitssystem, senkt die Produktivität vor allem in Berufen, in denen im Freien gearbeitet wird, und beeinträchtigt das Wohlergehen der ganzen Gesellschaft.

Was tun dagegen? 

Einen Hitzeaktionsplan erstellen, empfiehlt KLUG. Auch die Gesundheitsminister von Bund und Ländern haben sich dafür ausgesprochen. Seit 2017 liegen Handlungsempfehlungen dazu vor: kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen. Mehr als die Hälfte sei nur mit geringen Kosten verbunden, sagt Martin Herrmann. Als koordinierende Stellen sollen im kommunalen Bereich die Gesundheitsämter fungieren.

Zunächst geht es um Information, Aufklärung und Prävention, vor allem für die von Hitze besonders Betroffenen wie Pflegebedürftige, chronisch Kranke, ältere Menschen, Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder, Menschen, die im Freien arbeiten, aber auch Obdachlose: Das Geoportal der Stadt zeigt, wo sich kühle Orte (im Freien wie in Gebäuden) befinden; wo es Trinkwasserbrunnen gibt oder man Trinkflaschen auffüllen kann. Zu klären ist, wann man Wohn- und Arbeitsräume lüftet, ob ein Ventilator hilft, wie viel man zusätzlich trinken soll, welche Medikamente bei Hitze anders wirken können.

Ganz wichtig ist, in diesen Prozess den gesamten Gesundheitssektor einzubeziehen, also Kliniken, Arztpraxen, Apotheken, Rettungs- und Pflegedienste sowie alle Pflegeeinrichtungen und Berufsgruppen. Sie können direkt aufklären oder Menschen mit Info-Broschüren und -Flyern versorgen. 

Zu mittel- und langfristigen Maßnahmen gehören Erhalt und Ausbau der kühlen Orte, vor allem in den Kerngebieten der Städte; Entsiegeln vieler Flächen und Bepflanzen mit Bäumen, neue und alte Gebäude mit Verschattungsmöglichkeiten versehen, etwa Dachüberständen; Bestandsgebäude besser dämmen, Plätze mit Trinkwasserbrunnen oder Wasserspielen ausstatten, grüne Bänder zwischen städtischen Grünanlagen und Naherholungsgebieten schaffen; für ausreichend Kühlung im öffentlichen Nahverkehr und an Haltestellen sorgen, Fußgängern und Radfahrern mehr schattige und begrünte Wege anbieten.

All diese Maßnahmen listet etwa der Hitzeaktionsplan der Stadt Göppingen auf. Auch der Landkreis Esslingen, Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim verfügen über solche Pläne. In Ulm fehlt er. Im 4. Quartal dieses Jahres beginnt die Stadt mit der Erarbeitung einer Klimawandel-Anpassungstrategie. Ob ein Hitzeaktionsplan dazu gehört oder separat erstellt wird, ist noch zu entscheiden, erklärt Klimaschutzmanager Holger Kissner. Eine Stadtklimaanalyse existiert. Sie zeigt etwa auf, in welchen Bereichen des Stadtgebiets es bei Hitzewellen eher keine ausreichende Abkühlung gibt. 

Ulm nimmt auch am bundesweiten Wettbewerb „Abpflastern“ teil. Da geht es ums Entsiegeln und Begrünen zugepflasterter Flächen. Im Geoportal der Stadt sind auch Trinkbrunnen verzeichnet. Das Rad neu erfinden muss man dazu übrigens nicht. Der Deutsche Städtetag hat auf einer Internetseite zahlreiche Best-Practice-Beispiele zusammengestellt

www.staedtetag.de

Martin Hofmann