Wenn die Stadt Wasser aufsaugt und wieder abgibt

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Wenn die Stadt Wasser aufsaugt und wieder abgibt

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Eine Stadt wie ein Schwamm - das ist die Idee vieler Stadtplaner heute. Der Boden oder unterirdische Becken nehmen Wasser auf. Wichtig bei Starkregen; und sie geben Wasser wieder langsam ab, etwa an Pflanzen oder am Ende auch an uns: in Form von Verdunstung. Praktisch in Hitzeperioden.

Kopenhagen hat sich nach einer Unwetterkatastrophe im Jahr 2011 zu so einer Schwammstadt umbauen lassen. Da ist zum Beispiel der Bolzplatz im Park. Schüttet es mal wieder wie aus Eimern, verwandelt der sich in eine übergroße Badewanne. Sie kann 23 Millionen Liter Wasser fassen. Wasser, das womöglich Keller und Wohnungen fluten würde. Den Sportplatz haben Architekten extra tiefer gelegt. Genauso einen Rosengarten und einen kleinen See. So können alle drei noch mehr Wasser aufnehmen. In einem unterirdischen Becken wird Regenwasser aus den Dachrinnen des Viertels gesammelt. Damit wird dann der Rosengarten gewässert. Und die städtischen Kehrmaschinen können sich Wasser zur Straßenreinigung abzapfen.

In Ulm will man die Landesgartenschau 2030 zum Anlass nehmen, das Schwammstadt-Konzept auszuprobieren. Und zwar an einer Stelle in dem neu entstehenden Grüngürtel entlang der B28. Dort, wo gerade eine Tankstelle abgerissen worden ist, soll ein Teich entstehen, mit Steinen zum Sitzen, einem Weg und einer Lärmschutzwand.

Der Teich soll als Auffangbecken für Regenwasser dienen, als sogenanntes Retentionsbecken, sagt Edith Heppeler. Sie ist Technische Geschäftsführerin der Landesgartenschau Ulm 2030 GmbH. „Der Teich darf dann auch überlaufen in die Grünflächen hinein. Kein Problem. Die Fläche ist für solche Starkregenereignisse da.“ Die Bäume sollen in Baumgruben mit bis zu 36 Kubikmeter Tiefe gepflanzt werden und sich das in speziellem Substrat gespeicherte Wasser heraus saugen.

Die Landesgartenschau bietet eine gute Gelegenheit, Ulm fitter für den Klimawandel zu machen. Es wird ja stellenweise sowieso der Boden aufgerissen. Auch wenn sich die Experimentierfreude in Grenzen hält. Die Obere Donaubastion wird später saniert. Die Finanzlage…

Schwammstadt in Neu-Ulm

In Neu-Ulm setzt man das Schwammstadt-Konzept schon im Neubaugebiet „Wohnen am Illerpark“ um. Dort wird Regenwasser über eine Rinne entlang der Straße auf die nächste Grünfläche abgeleitet. Auch ein tiefer liegender Spielplatz dient als Rücklaufbecken, sagt Jochen Meissner vom Neu-Ulmer Tiefbauamt. Bei Bauprojekten sorge die Stadt mittlerweile dafür, dass das Regenwasser von versiegelten Flächen möglichst nah im Boden versickert. Dort werde es dann durch die natürliche Kiesschicht der Iller gereinigt. Die Kläranlage wird dadurch entlastet. Außerdem das Kanalnetz, was im Übrigen durch zunehmende Nachverdichtung und Versiegelung von Flächen immer mehr Wasser abtransportieren muss.

Gerade weil Flächen begehrt sind, ist für Meissner logisch, dass die Rücklaufbecken eine Doppelfunktion haben müssen. Wie etwa, dass Kinder dort spielen. Gemäß einer Norm des Wasserhaushaltsgesetzes sollen Regen- und Schmutzwasser nicht mehr in einer gemeinsamen Leitung transportiert werden. Schmutzwasser - das Abwasser aus den Haushalten - muss nach wie vor zur Reinigung in die Kläranlage. Das Regenwasser von Hausdächern und Straßen sollte laut der Norm möglichst ortsnah versickern. Dazu können auch Regenwasser-Rigolen in den Untergrund verbaut werden. Das sind Speicher- und Versickerungssysteme, die das Wasser zwischenspeichern und kontrolliert ins Erdreich abgeben. Sie bestehen meist aus Kiesgräben oder Kunststoff-Elementen, die mit Vlies umhüllt sind.

Was Neu-Ulm umsetzt, würde Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) gefallen. Er stellte 2021 den Leitfaden „Wassersensible Siedlungsentwicklung“ vor - auf Basis des Schwammstadt-Konzepts. Auch er will, dass Niederschlagswasser nicht mehr möglichst schnell abgeleitet wird, sondern, dass es vor Ort versickern und bestenfalls sogar weiterverwendet werden kann. Zum Beispiel aus einer Zisterne, die das Wasser davor gesammelt hat. Ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Niederschlagswasser.

Das bedeutet auch: Weniger Fläche soll versiegelt werden - und wenn, dann mit versickerungsfähigem Pflaster oder wasserdurchlässigem Asphalt (Drainasphalt). Zwar kosten laut dem Leitfaden solche Maßnahmen - langfristig aber könnten Kommunen sparen. Es müsse weniger für nachträglichen Hochwasserschutz ausgegeben werden, für den Ausbau der Kanalisation und für Überflutungsschäden. Außerdem muss weniger Frischwasser verwendet werden, um Pflanzen zu wässern und in öffentlichen Gebäuden könnte das Wasser für die Klospülung genutzt werden.

Isabella Hafner