Ulms Weg zur Nachhaltigkeit

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Ulms Weg zur Nachhaltigkeit

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Von Klimaneutralität über Fahrradwege bis zur Mülltrennung: Was bedeutet es wirklich, in einer nachhaltigen Stadt zu leben und was müssen Ulm und wir noch tun?

„Vision 2030“, „Klimaneutralität“, „nachhaltige Stadtentwicklung“ – Begriffe, die uns aus Berichten, Nachrichten und Debatten längst vertraut sind. Doch ihre Botschaft ist ebenso einfach wie dringlich: In den Städten entscheidet sich der Wandel, denn auf sie entfallen über 70 % der weltweiten CO₂-Emissionen, 66 % des Energieverbrauchs und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Über 75 Prozent der Europäer leben in urbanen Räumen. Wie wir uns dort fortbewegen, heizen, einkaufen und mit Ressourcen umgehen. Das prägt nicht nur den Alltag, sondern auch, ob wir die Klimaziele dieser Welt erreichen.

Städte stehen vor ähnlichen Herausforderungen: inklusive Mobilität, fehlende oder schwindende Grünflächen, eine sich wandelnde Energieversorgung und eine Wasserwirtschaft, die effizienter werden muss. Für keines dieser Probleme gibt es eine einfache Lösung, doch alle erfordern einen klaren Plan und ein klares Engagement. Ulm hat diesen Weg eingeschlagen. Und es lohnt sich, genauer hinzuschauen.

Die Zukunftsstadt - der Wandel, der bereits begonnen hat

2015 beteiligte sich Ulm als einzige süddeutsche Großstadt erfolgreich am Bundeswettbewerb „Zukunftsstadt 2030". Was folgte, war kein fertig ausgearbeiteter Plan, sondern ein offener Prozess: Mehr als 3.000 Bürger*innen brachten über 400 Ideen ein, in 155 Veranstaltungen in der ganzen Stadt. Mobilität, Bildung, Verwaltung und Demografie standen im Mittelpunkt. Die Leitidee dahinter: Technologie und Digitalisierung sollen allen zugutekommen, unabhängig von Alter, Herkunft oder Einkommen.

Seitdem ist einiges entstanden. Seit Januar 2020 beziehen alle 35.000 Haushaltskunden der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm ihren Strom aus erneuerbaren Quellen, konkret aus alpiner Wasserkraft. Das entspricht einer CO₂-Einsparung von rund 32.000 Tonnen pro Jahr. Auf kommunalen Dächern, Schulen, Betriebshöfe, Sporthallen, werden neue Photovoltaikanlagen mit über 1.000 kWp installiert, genug für rund 250 Haushalte. Auf der ehemaligen Deponie Eggingen produziert ein Solarpark mit 6,5 Megawatt sauberen Strom für weitere 2.000 Haushalte.

Auch bei der Mobilität tut sich etwas: 24,6 Millionen Euro Landesförderung fließen in Elektrobusse und Ladeinfrastruktur, angepasst an Ulms bergige Topografie. Das Radnetz wird ausgebaut, 290 neue Abstellplätze am Hauptbahnhof entstehen. Im ADFC-Fahrradklima-Test 2024 landete Ulm auf Platz zwei in seiner Größenklasse in Baden-Württemberg.

Das Klimaschutzkonzept der Stadt wird 2026 grundlegend überarbeitet mit dem Ziel, 40 Prozent weniger CO₂ bis 2030 auszustoßen. Ulm verfügt zudem über eines der ersten kommunalen Datenethikkonzepte Deutschlands: Technologie ja, aber mit klaren Grenzen und im Dienst der Menschen.

Eine Einladung weiterzudenken

Ulm macht vieles richtig und trotzdem lohnt ein ehrlicher Blick auf das, was noch wachsen kann. Bei der Fahrradinfrastruktur ist die Stadt auf einem guten Weg, doch Radfahrende wünschen sich vor allem breitere Wege, mehr Sicherheit im Straßenverkehr und zusätzliche Abstellmöglichkeiten. Gerade für Menschen, die nicht täglich Rad fahren, für Kinder oder ältere Personen, ist das Gefühl von Sicherheit entscheidend dafür, ob das Fahrrad wirklich zur ersten Wahl im Alltag wird. Hier bleibt noch Raum, die Stadt für alle einladender zu gestalten.

Bei der Energie ist der Grünstrom gesichert, die Wärme aber bleibt die größere Aufgabe. Förderprogramme für Wärmepumpen und Gebäudesanierung existieren seit Jahren und wurden zuletzt aktualisiert, werden aber noch nicht flächendeckend genutzt. Ähnliches gilt für die Mülltrennung: die Infrastruktur mit sieben Recyclinghöfen ist gut aufgestellt, doch ob sie wirklich ihre volle Wirkung entfaltet, entscheidet sich im Alltag jedes einzelnen Haushalts. Und schließlich die Bildung: Nachhaltigkeitsthemen finden in Ulmer Schulen ihren Platz, oft als Projektwochen oder besondere Initiativen. Die eigentliche Frage ist, wie aus diesen wertvollen Momenten ein selbstverständlicher roter Faden durch das gesamte Lernen werden kann, der Kinder und Jugendliche von klein auf begleitet.

Die Stadt sind wir

Nachhaltigkeit ist keine Aufgabe, die man an die Stadtwerke, das Rathaus oder irgendeine Behörde delegieren kann. Sie beginnt an dem Ort, an dem wir täglich Entscheidungen treffen: zu Hause, auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen, beim Heizen, beim Wegwerfen.

Es ist gut, dass Ulm so viele Maßnahmen umsetzt. Aber sie wirken nur, wenn wir sie auch nutzen. Es ist gut, dass es Radwege gibt. Aber Radwege ändern die Welt nur, wenn Menschen auf ihnen fahren. Es ist gut, dass die EBU sieben Recyclinghöfe betreibt. Aber Mülltrennung entscheidet sich in dem Moment, in dem wir die Joghurtschale in der Hand halten.

Eine Stadt ist keine Bühne und wir sind kein Publikum. Die Stadt ist ein lebendiges System, zu dem wir gehören. Wer in Ulm lebt, trägt Mitverantwortung für das, was diese Stadt ist und was sie wird. Das ist keine Last, das ist eine der wenigen Möglichkeiten, mit dem eigenen Alltag wirklich etwas zu bewegen.

2030 ist nicht weit. 
Und wir können es mitgestalten.

Lucia Probst