Nur einen Augenblick entfernt
Man kennt ihn aus den Tagesthemen, aus dem „Wetter vor Acht“ und von zahlreichen Vortragsreisen – Fernseh-Meteorologe Sven Plöger ist leidenschaftlicher Klimaerklärer und wohnt seit langem in Söflingen. Im agzente-Interview spricht er darüber, was uns erwartet, wie wir dem begegnen können und was er an Ulm schätzt.
Als gebürtiger Rheinländer leben Sie jetzt seit 30 Jahren in Ulm. Was hat sie an die Donau verschlagen?
Das kann ich Ihnen ganz einfach beantworten: Meine Frau, die ich im Rheinland kennengelernt habe, ist beruflich nach Ulm gegangen und ich bin natürlich mitgekommen und fühle mich hier pudelwohl. Wir haben einen großen Freundeskreis. Mittlerweile habe ich mich auch an das Schwäbische gewöhnt, auch wenn ich es – im Gegensatz zum Schwyzerdütsch – nicht nachmachen kann. Aber ich verstehe … fast … alles und freue mich, dass ich da bin.
Was schätzen Sie an unserer Stadt?
Das erste, was mir einfällt, ist die Größe. Die finde ich toll. Ulm ist eine richtige Stadt, sie ist groß genug für all die Dinge, die man an einer Stadt schätzt, die Einkaufsmöglichkeiten, das kulturelle Angebot, die vielen Restaurants und so weiter. In der Freizeit kann man schön am Donauufer sitzen. Auf der anderen Seite ist es aber keine Millionenstadt und nicht so groß, dass ich mit meinem Rennrad stundenlang radeln muss, ums ins Grüne zu kommen. Die Größe ist für mich perfekt. Und ich muss ganz ehrlich sagen, das Klima und das Wetter gefällt mir auch, weil Ulm halt etwas höher gelegen ist.
Das ist schön zu hören. Was gefällt Ihnen am Ulmer Wetter?
Gerade im Sommer wird es nicht so unerträglich heiß. Wir haben hier ein besseres Klima und angenehmere Luft. Ich bin kein Freund von 35 bis 40 Grad. Ich finde eher 25 Grad schön und genau das wird in Ulm häufig geboten.
Welche wettertechnischen Besonderheiten gibt es denn hier im Ulmer Raum zwischen Donau und Schwäbischer Alb? Ist die Donau eine Wettergrenze?
Die Flüsse sind nicht wetterbestimmend, da sie viel zu schmal sind. Einem richtigen Tief mit seiner enormen Energie ist es egal, ob da etwas fließt. Was eine Rolle spielt, ist die Orographie, also wie die Landschaft gestaltet ist. Wir haben hier die Schwäbische Alb und überall, wo Berge sind, muss Luft rauf oder runter. So entsteht eine Wetterscheide. In unserer Region wird das Wetter oft noch von den Alpen beeinflusst, doch bei nördlicher Strömung übt die Schwäbischen Alb einen großen Einfluss aus. Und wir alle kennen natürlich den Ulmer Nebel, den nicht alle lieben.
Was wir aber alle bemerkt haben ist, dass die Nebeltage in den letzten Jahren zurückgegangen sind. Das hat zum einen den Grund, dass die Atmosphäre in Mittel wärmer geworden ist und daher mehr Wasserdampf aufnehmen kann. So gibt es grundsätzlich weniger Nebel. Der Hauptgrund ist aber tatsächlich regional. Im Industriegebiet Donautal haben wir viele Wiesenflächen asphaltiert und damit Feuchtereservoire geschlossen. Nun ist es sicher keine schlaue Idee, alles zu asphaltieren, um Nebel zu verhindern, aber ein paar Nebeltage weniger im Jahr gefallen dann doch einigen. Zudem ist die Luft sauberer geworden, so dass sie weniger Kondensationskerne enthält. Auch deshalb entsteht weniger Nebel.
In diesem Winter war es dann aber wieder ganz anders.
Ja, es gab auch früher schon wärmere und kältere Winter. In diesem Jahr haben wir beobachtet, dass sich ein Hochdruckgebiet über Skandinavien sehr lang gehalten hat und wir damit häufig eine nördliche oder nordöstliche Strömung hatten, die über die Ostsee herangeführt wurde. Das bedeutet feuchte und kalte Luftmassen und mehr Nebel. Kalte Winter sind eben auch in einer wärmeren Welt nicht ausgeschlossen. Da der Jetstream in der Höhe inzwischen starke Schwankungen zeigt, kommen die Drucksysteme oft viel langsamer voran. Durch diese „Standwetterlagen“ hat das Wetter oft tagelang den gleichen Charakter. Meist ist es dabei wärmer als in früheren Jahren, aber bei tagelanger Nordostströmung im Winter eben auch mal deutlich kälter.
Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft wagen. Was wird sich auch hier in Ulm im Jahr 2050 verändert haben?
Das kann ich nicht beantworten, weil es davon abhängt, ob wir Menschen bereit sind, etwas zu verändern. Im Moment sind wir das nicht. Aktuell bringen wir Menschen auf jeden Quadratmeter dieses Planeten 3,3 Watt zusätzliche Energie ein, hochgerechnet eine gigantische Energiemenge, die wir in die Atmosphäre pumpen. Das ist, als ob wir die Heizung hochdrehen. Machen wir so weiter, steuern wir auf eine Erwärmung von 2,7 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu. Unser vereinbartes Klimaziel von 1,5 Grad haben wir erstmals 2024 gerissen. Es gibt unterschiedliche Prognosen, aber der Trend ist eindeutig.
Was wir heute schon beobachten, ist eine massive Zunahme heißer Tage, auch hier in Ulm und Baden-Württemberg. Aber auch den starken Wechsel zwischen sehr trockenen und zu nassen Phasen in den letzten Jahren. Das kann für die Landwirtschaft problematisch werden, aber natürlich auch für uns selbst. Schließlich werden wir nicht jünger. Gerade in der Mitte Europas haben wir einen hohen Anteil älterer Menschen, auch in Ulm. Das heißt, unser Kreislauf wird bei zunehmender Hitze immer stärker belastet. Unsere Stadt ist viel zu stark mit Asphalt versiegelt. Was wir eigentlich brauchen, ist mehr Grün und Blau, also Pflanzen und Wasser für die Verdunstungskälte. Da sollten wir reagieren. Bis 2050 sind es noch 24 Jahre, im Grunde ist das nur einen Augenblick entfernt. Bei unserem derzeitigen Gebaren tue ich mich schwer zu glauben, dass wir ein angemessenes Umsteuern schaffen.
Welche Wetterextreme haben wir dann zu erwarten?
Die aufgeheizte Atmosphäre kann viel mehr Wasserdampf aufnehmen. Und wenn mehr Feuchtigkeit da ist, kann auch mehr aus den Wolken herausfallen, sprich Starkregenereignisse werden eine große Herausforderung. Vor allem, weil sie sich durch die schon angesprochenen „Standwetterlagen“ mit langen Trockenphasen abwechseln werden. Außerdem sind Hagel und Stürme ein Problem. Stürme werden zwar wohl nicht häufiger, aber die Stärke der Windböen nimmt zu. Gerade bei sommerlichen Gewittern ein Problem, wenn auch die Bäume belaubt sind und einen größeren Windwiderstand haben.
Ein anderes Thema sind Spätfröste. Da die Vegetationszeit überall deutlich früher beginnt, sind die Pflanzen ungefähr zwei Wochen früher dran als in früheren Jahren. Wenn Mitte Februar schon alles zu wachsen beginnt, sind natürlich Kaltlufteinbrüche aus Skandinavien oder der Arktis viel wahrscheinlicher. Das kann jederzeit passieren und stellt eine Gefahr dar, etwa für unsere Obstbäume.
Müssen wir uns auch auf mehr Hochwasser einstellen? In Ulm kommt das ja meistens über die Iller.
Die klassische Wetterlage, die auch für Ulm problematisch ist in Sachen Hochwasser, bezeichnen Meteorologen als Vb-Lage. Das passiert, wenn sich ein Hoch von Westen über dem Alpenraum nähert. Dann bildet sich bei Genua gerne ein Tiefdruckgebiet. Das kann über dem warmen Mittelmeerraum viel Feuchtigkeit aufnehmen und zieht dann weiter nach Osten, ungefähr bei Slowenien über die Alpen und Richtung Polen. Da sich Tiefs gegen den Urzeigersinn drehen, wird die feuchte Mittelmeerluft von Norden gegen die Alpen gedrückt und erzeugt diese typischen, tagelangen Stauniederschläge. Alpenflüsse wie die Iller entwässern in Richtung Donau und damit kriegen wir das auch in Ulm geboten.
Ob diese Wetterlagen zunehmen werden, ist schwer zu sagen. Wir beobachten es momentan nicht, aber auszuschließen ist es nicht. Die Physik sagt uns jedenfalls, dass die Luft bei einem Grad Erwärmung 7 % mehr Wasserdampf aufnehmen kann. Das sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen. All das, was wir jetzt schon ansatzweise beobachten, wird sich in einem exponentiellen Zusammenhang verstärken, wenn wir nicht das tun, was wir sagen. Es ist leider wenig zielführend, auf internationalen Klimakonferenzen Vereinbarungen zu treffen und sie dann nicht einzuhalten.
Wie verhält es sich mit den häufig zitierten Klima-Kipppunkten? Da gibt es z.B. die Hypothese, dass durch ein Kippen des Golfstroms, der uns in Mitteleuropa relativ milde Temperaturen bringt, künftig eher kältere Winter zu erwarten sind. Ist das realistisch?
Es gibt verschiedene Kipppunkte. Einer ist das verschwindende Eis in der Arktis. Wir verlieren im Moment 29 Millionen Tonnen arktisches Eis. Pro Stunde! Das ist fünfmal so schnell wie in den 1980er Jahren und viel schneller, als es die Klimaforschung vor rund 20 Jahren vorausgesagt hat. Wenn das Eis verschwindet und sich der hohe Norden übermäßig aufwärmt, verändert sich natürlich die gesamte Zirkulation. Das geschmolzene Süßwasser beeinflusst auch den Nordatlantikstrom nachhaltig. Einige Wissenschaftler sagen, dass dieser Kipppunkt schon überschritten ist.
Man könnte sagen, wenn der Golfstrom vor der Küste Europas schwächer wird, wird es bei uns kühler. Andererseits sorgt die Veränderung auch für eine atmosphärische Dynamik, also ein häufigeres Auftreten von Tiefdruckgebieten. Auf deren Vorderseite kommen wir aber oft in den Genuss sehr warmer Luft. Im Moment hält es die Wissenschaft für wahrscheinlich, dass bei einem schwächeren Golfstrom das südliche Europa sogar mehr Hitzewellen und einen stärkeren Temperaturanstieg bekommt. Im Norden Europas hingegen wären kältere Winter denkbar, was man derzeit jedoch nicht beobachtet. Und in Ulm? Wir liegen gerade dazwischen.
Sie haben sich auch viel damit beschäftigt, wie Menschen den Klimawandel wahrnehmen. Warum verhalten wir uns dabei so unvernünftig?
Ein großer Fehler der Menschheit ist es, dass wir linear denken. Nicht lineare Zusammenhänge begreifen wir sehr schlecht. Wir verstehen nicht, dass all die Wetterextreme, die uns derzeit bereits große Sorgen machen und hohe Kosten verursachen, erst der Anfang sind und dass sich all die physikalischen Prozesse mit der weiteren Erwärmung immer schneller verstärken werden. Ein Beispiel eines nichtlinearen Prozesses: Wie dick wird ein 0,1 Millimeter dünnes Papier, wenn Sie es 42 mal falten könnten?
Klingt nach einer komplizierten Rechnung. Vielleicht ein paar Meter?
Das ist komplett linear gedacht, so denken fast alle. Heraus kommen aber verblüffende 439.804 Kilometer – das dünne Papier 42 mal gefaltet, wird dicker als die Strecke bis zum Mond!
Ihnen sagt man ja nach, dass Sie es schaffen, die Menschen auf unterhaltsame Weise für dieses Thema zu gewinnen. Wie machen Sie das?
Ich glaube, dass Menschen am besten zu erreichen sind, wenn man ihnen eine komplizierte Materie in unterhaltsamen Geschichten darstellt. Da darf dann auch bei ernsten Themen Humor dabei sein, denn das führt dazu, dass die Köpfe „aufgehen“. Wer entspannt ist, kann auch mehr aufnehmen. Trotzdem steht bei mir immer die wissenschaftliche Realität im Mittelpunkt. Wenn wir die Realität ignorieren, werden wir große Probleme bekommen, was der Realität wiederum völlig gleichgültig ist.
Doch wir brauchen auch eine andere Denkweise, eine andere Haltung. Gerade ältere Menschen sagen oft, ja, ich verstehe das schon mit dem Klimawandel, aber mich jetzt noch irgendwie zu verändern, das will ich nicht, das kann ich nicht und das bringt auch nichts. Und ich verstehe das. Ich frage sie dann aber, wenn sie Kinder haben, ob sie vor den Kindern stehen und ihnen ins Gesicht sagen möchten „Dir soll es später mal schlechter gehen als mir.“ Ich kenne keine Eltern, die das tun. Die Kinder sollen es später gleich gut oder besser haben. Gleichzeitig tun wir aber die ganze Zeit Dinge, die dazu beitragen, dass es der nächsten Generation schlechter gehen wird. Das ist paradox und sollte uns nachdenklich stimmen. Genau daraus entsteht dann eine Haltung!
Der dritte Punkt ist Begeisterung. Wir haben auf dieser Welt als menschliche Gesellschaft schon so viel erreicht. In der Geschichte gibt es natürlich dunkle und schlimme Momente, aber wir haben immer auch Dinge erreicht, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Das gilt für technische Entwicklungen, aber auch für die Politik. Schauen Sie sich zum Beispiel die Wiedervereinigung an. Wer das drei Jahre vorher prophezeit hätte, wäre sicherlich für verrückt erklärt worden. Das heißt, es gibt immer wieder ganz plötzliche und kaum erwartbare Veränderungen in der Menschheitsgeschichte. Wir sollten den Blick auf diese positiven Geschehnisse legen und sie mit unseren Chancen und Möglichkeiten verbinden. So wecken wir Begeisterung für Veränderungen! Daraus beziehe ich auch selbst meine Energie. Wenn ich dabei mit meinen Geschichten etwas erreichen kann, ist schon viel gewonnen.
Damit sind wir jetzt doch noch zu einem optimistischen Ausblick gekommen. Zum Schluss noch eine kleine persönliche Frage: Was ist Ihr liebster Ort in Ulm, wenn es sehr heiß wird?
Wenn es so richtig heiß ist und ich die Zeit habe, hüpfe ich gerne mal in einen Baggersee, von denen es ja viele gibt rund um Ulm. Nach dem Schwimmen lege mich dann in den Schatten und genieße Natur und Abkühlung. Ich würde mich übrigens als Eule bezeichnen, denn ich bin ein Abendmensch. Das hat einen großen Vorteil, weil es in Ulm abends noch viele Orte gibt, wo man wunderschönen sitzen kann, ob an der Donau, in der Altstadt, im Fischerviertel oder wo auch immer es schön und gesellig ist – und abends eben nicht mehr so heiß.
Vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben.
Thomas Dombeck
Die aktuellen Bücher vom Sven Plöger finden sich unter: meteo-ploeger.de
