Passt bitte auf euch auf!
Sie versorgen Menschen nachts mit warmer Suppe, heißen Getränken, belegten Brötchen, Isomatten oder trockener Kleidung. Wir haben Eva, Gitte und Ralf auf ihrer Tour durch die Stadt mit dem Kältebus des DRK-Kreisverbandes begleitet.
Ich bin zu früh. Kurz nach 18 Uhr steige ich die Treppe zum Übernachtungsheim hinauf. Hier, in der Frauenstraße, startet um 18.30 Uhr der Kältebus des Deutschen Roten Kreuzes seine Runden durch die Stadt - und ich bin für unser Leserinnen und Leser dabei, und weiß - ehrlich gesagt - nicht, was mich erwartet. Um die Wartezeit zu verkürzen, bittet mich der Mann am Empfang freundlich, in seinem Raum Platz zu nehmen, wo schon die Thermoskannen mit Tee, Kaffee und heißem Wasser für das ehrenamtliche Team des Kältebusses bereitstehen. Auf dem linken Oberarm des Mannes entdecke ich die Worte „Non desitas, non exieris“ und er erklärt mir, dass dies bedeute: „Gib niemals auf, gib niemals nach.“
Heute ist Ralf der Fahrer des Busses. Der Immobiliengutachter wird heute von der 53-jährigen Sozialpädagogin Eva und Gitte begleitet, die 48 Jahre alt ist und in der Verwaltung der Lebenshilfe arbeitet. Die Lebensmittel, die die drei vor der Abfahrt ins Heck des Busses verfrachten, sind Spenden von Unternehmen oder Privatpersonen. Die Suppen werden von Betriebskantinen zur Verfügung gestellt. Das Thermometer auf dem Handy zeigt eine Außentemperatur von sechs Grad an. Eigentlich gar nicht so kalt. Denke ich. Der erste Halt ist vor einem Supermarkt in der Oststadt, wo ein junger Mann vor dem Eingang sitzt und sich sichtbar über einen Kaffee freut. „Wir wissen, wo sich Menschen nachts aufhalten. Diese Plätze steuern wir bewusst an“, erklärt der 45-jährige Ralf. Plötzlich taucht ein junger Mann auf, den das Team jedoch nicht kennt. Er habe seit fünf Tagen nichts gegessen, nur Alkohol getrunken, sagt er: „Eine Gulaschsuppe wäre gut.“ Doch auch die vorrätige Linsensuppe nimmt er dankbar entgegen.
„Ebenso wichtig wie eine warme Mahlzeit ist ein persönliches Gespräch, etwas Zuwendung, ein offenes Ohr“, sagen Gitte und Eva.„Viele Menschen auf der Straße beklagen, dass sie nicht wahrgenommen werden“, ergänzt Ralf. Ich spüre, dass sechs Grad doch ganz schön kalt sein können, wenn man auf dem Boden sitzt oder liegt.
Dann geht es weiter und der junge Mann am Eingang des Marktes winkt zum Abschied. Schon morgen kommt der Bus wieder, wenn auch mit einem anderen Team.
Etwa 80 Ehrenamtliche bilden die verschiedenen Teams des Kältebusses, der seit nunmehr fünf Jahren im Stadtgebiet unterwegs ist - immer von November bis Ende März. Kurz darauf fahren wir im Schritttempo durch den Alten Friedhof und halten gemeinsam nach Menschen Ausschau, die Hilfe benötigen. Denn das Ziel der Kältebus-Einsätze ist es Menschen, die auf der Straße leben, vor Unterkühlung oder sogar vor Kältetod zu bewahren.
Nächster Halt: Das Ulmer Nest auf dem Karlsplatz, auf dem jedoch ein grünes Leuchtband anzeigt, dass es momentan leer steht. Dafür nähern sich zwei junge Männer und eine Frau dem Bus, die etwas weiter auf einer Parkbank gesessen sind. Auch sie nehmen die angebotene Suppe, ein Brötchen oder einen Kaffee liebend gerne an. Einer der Männer ist erstaunt: „Wie komme ich zu der Ehre?“ Die frierende Frau ist sichtlich gerührt, dass sie ein paar Handschuhe und eine Mütze haben kann. Aber sie ist auch verbittert: „Seit vier Jahren muss ich auf der Straße leben, weil ich wegen Krankheit Arbeit und Wohnung verloren habe.“ Doch zum Abschied ruft sie uns hinterher: „Ich lasse mich nicht unterkriegen und bitte passt auf euch auf.“
Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Neutorstraße steuern wir die alte Posthalle an, in der Obdachlose in der Nacht Unterschlupf finden können. Bevor das Team jedoch die Türe aufsperren kann, müssen sie einen jungen Mann wecken, der verkrümmt im Eingangsbereich liegt. Er hat keinen Schlafsack mehr und weint bitterlich. Doch endlich kann er ins Warme. Die Suppe, der Kaffee, die Schokolade und auch der neue Schlafsack, den ihm das Team schenkt, es erscheint ihm wohl wie ein kleines Wunder. Ich habe wohl noch nie einen Menschen gesehen, der sich so sehr über eine warme Suppe gefreut hat. Und ich bin froh, dass ich mitgefahren bin. Ich werde sein Schicksal nicht erfahren, doch das Bild bleibt in meinem Kopf, auch als wir kurz danach den Bahnhof ansteuern. Hier warten bereits zehn Männer und Frauen sehnsüchtig auf den Bus, der hier jeden Abend von 20 bis 21 Uhr steht. Auch hier viele bekannte Gesichter für das Team, ein paar neue sind auch dabei.
Es ist für diesen Abend meine letzte Station, Eva, Gitte und Ralf werden noch über eine Stunde unterwegs sein. Und irgendwie sind auch sie von ihrer Arbeit erfüllt. „Die Begegnungen mit den Menschen erden uns immer wieder, machen dankbar, für das was man hat“ sagen sie unisono. Auf meinem Weg nach Hause denke ich noch einmal an die Worte auf dem Oberarm des DRK-Mitarbeiters im Übernachtungsheim: Gib niemals auf, gib niemals nach.
Stefan Loeffler
Wer eine Person frierend auf der Straße entdeckt, kann das Team des Kältebusses während der Fahrzeiten von 18.30 bis ca. 22.30 Uhr unter der Mobilnummer +49 171 299 1898 anrufen und den Standort durchgeben. Der DRK-Kältebus ist noch bis voraussichtlich Ende März unterwegs.