Wie wollen wir in Zukunft gemeinsam wohnen?

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Wie wollen wir in Zukunft gemeinsam wohnen?

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Dieser Frage stellte sich das Agenda-Forum am 27. November in der List-Schule. Das Ziel, die Menschen in Ulm mit ausreichend bezahlbarem Wohnraum zu versorgen, beschäftigt Kommunalpolitik und Stadtgesellschaft seit langem. Landesweit liegt Ulm beim Wohnraummangel direkt hinter Freiburg auf Platz 2. Auf Anregung von Oberbürgermeister Martin Ansbacher hat der Agenda-Vorstand das Thema aufgegriffen und zum Austausch eingeladen.

Im Zentrum der Impulsvorträge und der Diskussion standen gemeinschaftliche Wohnprojekte als nachhaltige, zukunftsweisende und solidarische Alternative. Expert*innen und Menschen mit Praxiserfahrung aus solchen Projekten kamen zu Wort und teilten ihr Wissen und ihre Erfahrungen. Moderiert wurde die Veranstaltung von den Journalistinnen Isabella Hafner und Verena Jäger.

Einführung mit OB Ansbacher

Dass bezahlbarer Wohnraum in unserer stetig wachsenden Stadt für die Ulmer Kommunalpolitik ein dringliches und wichtiges Ziel ist, konnte der Oberbürgermeister und Schirmherr der lokalen agenda in seiner engagierten Einführung deutlich rüberbringen.

Die aktuellen Ulmer Zahlen zeigen einen beachtlichen Fortschritt: Für das Jahr 2025 rechnet die Stadt mit ca. 780 fertiggestellten Wohnungen, von 2026 bis 2030 werden voraussichtlich weitere rund 2.570 Wohneinheiten hinzukommen. Der Bestand öffentlich geförderter Wohnungen wird bis Ende 2025 auf voraussichtlich 2.137 Einheiten wachsen. Dabei ist es hauptsächlich die Aufgabe der stadteigenen Wohnungsbaugesellschaft UWS, sich der Herausforderung zu stellen und für bezahlbaren Wohnraum für alle gesellschaftlichen Gruppen zu sorgen, und das bei über 4.400 Wohnungsuchenden (Ende 2024). 

Hier kommt die seit vielen Jahrzehnten erfolgreiche Ulmer Bodenpolitik ins Spiel, die es durch frühzeitigen Erwerb von Baugrund der Stadt ermöglicht, die Preise für Grundstücke und damit auch für den Wohnungsbau niedrig zu halten. Dabei sei es der Stadt wichtig, zur Verfügung stehende Flächen optimal für Wohnraum auszunutzen. Gleichzeitig steht dem eine große Nachfrage an Grundstücken für Einfamilienhäuser gegenüber, so dass es gälte, die verschiedenen Ansprüche gegeneinander abzuwägen, wie zuletzt im Baugebiet Eschwiesen in Wiblingen. Im Gemeinderat trafen die verschiedenen Positionen aufeinander, ein Kompromiss zwischen Mehr- und Einfamilienhäusern fand am Ende eine knappe Mehrheit.

Auch den viel kritisierten Leerstand an Wohnraum in Ulm thematisierte Ansbacher. Diesem wolle der Gemeinderat in naher Zukunft mit einem Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum entgegenwirken. Gemeinschaftliche, innovative Wohnformen bündeln aus Sicht von Ansbacher soziale, ökonomische und ökologische Werte und leisten einen zentralen Beitrag zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Die Stadt Ulm unterstütze deshalb gezielt innovative Vorhaben – mit Grundstücken, Beratung, Offenheit für Pilotprojekte oder neuen Vergabeformen.

Forschung zu gemeinschaftlichen Wohnprojekten in München

Von wissenschaftlicher Seite näherten sich Rabea Seuferlein und Veronika Polte von der Ludwig-Maximilians-Universität München der Frage, ob gemeinschaftliches Wohnen einen Beitrag zur nachhaltigen Transformation in Städten leisten kann. In einem Forschungsprojekt der Universität analysierten sie am Beispiel des Wohnareals „Prinz-Eugen-Park“, wie gemeinschaftliche Wohnformen für verschiedene Gruppen funktionieren und präsentierten dem Agenda-Forum ihre Ergebnisse nun quasi druckfrisch.

Der Münchner Prinz-Eugen-Park ist ein Mischquartier mit Schulen, Gewerbe und Kultureinrichtungen, in dem sich mehrere Wohnungsgenossenschaften und Baugemeinschaften Gemeinschaftsräume und Gästeapartments teilen. Auch ein ökologisches Musterareal ist Teil des Quartiers. Für ihre Analyse führten Seuferlein und Polte Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern durch und ermittelten drei verschiedene Typen in Bezug auf zum Beispiel die Wohnmotivation, die Bereitschaft zum Engagement in der Gemeinschaft oder zum Teilen von Dingen und Räumen. Der Typ „transformative Gestalter*innen“ beispielsweise sieht einen Mehrwert bei der gemeinsamen Nutzung der Werkstatt, während pragmatisch-passive Bewohner*innen den Fokus auf Alltagstauglichkeit legen. Die gemeinschaftsorientierten Praktiker*innen wiederum genießen das Zusammenleben mit Menschen die ähnliche Werte und eine ökologische Grundeinstellung haben.

Von ihrer Analyse lassen sich Rückschlüsse auf die Motivation sowie auf die Ursachen für positive wie negative Erfahrungen ableiten, um daraus Handlungsempfehlungen für Wohnprojekte zu entwickeln. Die jungen Wissenschaftlerinnen ziehen den Rückschluss: „Ein Paradigmenwechsel im Wohnverständnis hin zu mehr gemeinschaftlichem Wohnen, Leben und Arbeiten kann einen Beitrag zur Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft leisten.“

aktiv gemeinsam wohnen in Ulm

Ganz konkret wurde es mit dem Erfahrungsbericht von Uta Wittich von „aktiv gemeinsam wohnen e.V.“ Der Verein wählte die Genossenschaft ulmer heimstätte als Vermieterin und Kooperationspartnerin für ein in Teilen selbstorganisiertes, innovatives Wohnprojekt. In 29 Mietwohnungen und 3 Gebäuden leben am Kuhberg insgesamt 55 Menschen im Alter zwischen einem und 85 Jahren, davon 14 Kinder – in Single- und Familienwohnungen, einer Studierenden- und einer Senior*innen-WG.

Bereits 5 Jahre vor dem Erst-Bezug der Wohnungen gegründet, waren die Aufgaben des Vereins zunächst eine Konzeption für das Projekt zu entwickeln, eine  Gemeinschaft aufzubauen und Kooperationsstrukturen zu schaffen. Heute ist er verantwortlich für den Betrieb eines Gemeinschaftsraumes und eines Gästeapartments, deren Kosten auf alle Mieter*innen umgelegt werden. Außerdem hat er ein Mitspracherecht bei Mieter*innen-Wechseln und ist für die Gestaltung und Pflege der Außenanlagen verantwortlich.

Zur Förderung der Gemeinschaft organisieren die Bewohner*innen regelmäßige gemeinsame Freizeitangebote und auch spontane Koch- Film- oder Spielabende, Tanzen oder Verabredungen zum Tischtennisspiel, einen Laternenumzug zu St. Martin oder einen Buchbindekurs usw. So ist seit Fertigstellung der Häuser eine Gemeinschaft entstanden, die sich auch gegenseitig bei Krankheit oder bei Erledigungen unterstützt, oder bei der man sich untereinander Küchengeräte und dergleichen ausleiht und in Arbeitskreisen und im Plenum anstehende Aufgaben erledigt.

Alles in allem sei das Zusammenleben „so bunt und vielfältig wie die Menschen selbst − von Freundschaften bis auch mal schwierigem Umgang miteinander“, erzählt Wittich. Das Potential für ein lebendiges Miteinander und auch für Konflikte schätzt sie eher höher ein als in üblichen Hausgemeinschaften, weil es mehr Berührungspunkte gibt. Es würde versucht, die Konflikte bewusst zu bearbeiten und als Chance zu verstehen, um sich gegenseitig besser kennen zu lernen. Zur Unterstützung begleitet eine Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation die Gemeinschaft mit Übungsabenden und bei Bedarf mit Einzelgesprächen. „Unter dem Strich wird wohl keine und keiner die Gemeinschaft missen wollen“, fasst Wittich positiv zusammen.

Die Häuser denen, die drin wohnen

Unter diesem Leitmotiv erläuterte Johannes Messmer das besondere Modell des Mietshäuser Syndikats, einer Dachorganisation für mehr als 200 gemeinschaftliche Wohnprojekte bundesweit. Entstanden aus einer Hausbesetzung in Freiburg Ende der 80er Jahre, bietet dieses Modell die Möglichkeit, ein Wohngebäude dem Immobilienmarkt zu entziehen, die Finanzierung beispielsweise über Direktkredite und unabhängig vom Vermögen der Bewohner*innen zu bewältigen und gleichzeitig die Mieten sozialverträglich zu gestalten. Basis ist eine spezielle Struktur aus einem Hausverein, einer GmbH als Eigentümerin und dem Mietshäuser Syndikat als Mitgesellschafter. Das Modell ist geeignet für die unterschiedlichsten Konstellationen und Bewohnerstrukturen.

Messmer, der selbst in einem Projekt des Mietshäuser Syndikats lebt, konnte so auch drei ganz unterschiedliche Hausprojekte aus Süddeutschland vorstellen. Die Vorteile solch gemeinschaftlichen Wohneigentums liegen auf der Hand: Über den Hausverein bestimmen die Bewohnenden selbst über die Finanzierung, die Räume und ihre Nutzung, zum Beispiel als Gemeinschaftsräume, über Sanierungsmaßnahmen oder die Art der Heizung, über die Mitbewohnenden und letzten Endes über die Mieten. Und: Das Gebäude bleibt unabhängig von der Bewohnerschaft dauerhaft im Eigentum der GmbH.

Diskussion macht Lust auf mehr

Die anschließende angeregte Diskussion der Vortragenden, ergänzt um Hauptabteilungsleiterin Carola Christ von der Stadt Ulm, zeigte den großen Bedarf an Austausch und Information zu dem Thema auf. Zur Sprache kamen grundsätzliche Fragen wie die nach einer anerkannten Definition von bezahlbarem Wohnraum („gibt es nicht“), aber auch ganz konkrete Themen wie die nach einer Ulmer Anlaufstelle für Gemeinschaftswohnprojekte („mit Fragen zu konkreten Projekten direkt an die Stadt Ulm wenden“). Das interessierte und motivierte Publikum konnte sich im Anschluss noch an Infotischen zu lokalen Projekten und Angeboten rund um gemeinschaftliches Wohnen informieren. Unter anderem waren Ansprechpersonen des „Wurzel-Hausprojektes“ vor Ort, eine Gemeinschaft, die in Ulm ein Syndikats-Wohnprojekt umsetzen möchte. Wer Interesse an einer Mitwirkung oder auch ein geeignetes Gebäude hat, findet mehr unter www.wurzel-hausprojekt.de.

Bereits zum zweiten Mal fand im Herbst der „Tag der alternativen Wohnformen“ der vh ulm und der Caritas Ulm/Alb-Donau mit zahlreichen Beteiligten und viel Raum für den Austausch statt. Auch in 2026 soll es wieder eine Veranstaltung geben, die sich mit diesem Thema beschäftigt, die lokale agenda ulm wird dieses Mal mit im Boot sein. Wir halten Sie auf dem Laufenden!

Petra Schmitz


Diese Organisationen rund um gemeinschaftliche Wohnprojekte waren am Agenda-Forum beteiligt:

aktiv gemeinsam wohnen e.V. 
www.agw-ulm.de | 0731 - 97 27 896 | info@agw-ulm.de 

Mietshäuser Syndikat     
www.syndikat.org | Regionalberater: Johannes Messmer, johannes.messmer@der-kesselhof.de

Stadt Ulm, Hauptabteilung Stadtplanung, Umwelt, Baurecht der Stadt Ulm
c.christ@ulm.de

Sommerschlösschen Rennertshofen
kontakt@architektur-energie-ulm.de 

Wohnrauminitiative der Caritas Ulm 
Magdalena Tewes | tewes.m@caritas-dicvrs.de 

Wurzel-Hausprojekt Ulm
www.wurzel-hausprojekt.de | hallo@wurzel-hausprojekt.de